Warten. Zwischen Macht und Möglichkeit • Hamburger Kunsthalle

In der Hamburger Kunsthalle widmet man sich dem Phänomen des Wartens, den sich dahinter verbergenden Geschichten und den sich im Warten artikulierenden Machtverhältnissen.
Michael Sailstorfers Arbeit Wohnen mit Verkehrsanbindung, installiert auf dem Gehweg am Glockengießerwall, wirkt zunächst wie eine verirrte Bushaltestelle. Das Bild des Wartehäuschen vervollständigt sich im Kopf zu einer Szenerie mit grünen Wiesen im Hintergrund, vielleicht sogar inklusive grasenden Kühen. Die kleine Holzhütte ist im Inneren jedoch mit Bett, Küche und Toilette ausgestattet. Ideale Vorbereitung für das Ausharren im Zustand des Warten, für die Annahme der Beständigkeit eines Übergangsstatus.
In Ursula Schulz-Dornburgs Fotografien der Serie Bushaltestellen. Armenien. ist das Erwartete, die ideologische Vision, schon Vergangenheit. Ihre Aufnahmen von Bushaltestellen in Armenien zeigen adrett gekleidete, forsch in die Kamera blickende Menschen vor teilweise verfallenen Bushaltestellen. Das Warten auf ein in naher Zukunft eintretendes Ereignis – die Ankunft des Busses – steht hier im Kontrast zu den architektonischen Fragmenten, die an eine andere Zeit erinnern.
Vajiko Chachkhianis Video Life Track zeigt einen durch ein Fenster aufgenommenen Mann, der minutenlang direkt in die Kamera des Künstlers und somit in die Augen des/der Betrachtenden blickt – dass er hierbei kaum blinzelt wirkt befremdlich. Es gibt keine Rollenverteilung in diesem Starr-Spiel, sowohl der aufgenommene Mann als auch der Künstler sind Betrachtende und Betrachtete. Es ist ein beidseitiges Warten auf etwas Unbestimmtes. Der Blick des Mannes verändert sich im Verlauf des Videos, richtet sich zunehmend nach innen, bis er sich schliesslich abwendet und mit mühsamen Bewegungen im Hintergrund des Zimmers verschwindet.
Zwelethu Mthethwas Porträt einer hochschwangeren Frau hält den Moment vor der Geburt eines Kindes fest – das Erwarten ist hier ein physischer und psychischer Ausnahmezustand, ein emotionaler Übergangsmoment. Der Mensch wird so begonnen. Man wartet von Anfang an auf uns. Ernüchternder ist Paul Grahams Serie Serie Beyond Caring, für die er in britischen Arbeitsämtern fotografierte, Orten des Wartens und Hoffens auf Gelegenheiten und Veränderungen. Der aus den Bildern sprechenden Trostlosigkeit möchte man ein Zitat Grahams entgegenhalten: „In a way, ‚a shimmer of possibility‘ is really about these nothing moments in life.“
Das Warten als Ausharren der Dinge ist auch in Andrea Diefenbachs Arbeit Land ohne Eltern präsent. Die Fotografien geben Einblicke in das Leben Moldawischer Familien: Während die Eltern als Arbeitsmigranten nach Westeuropa gezogen sind, bleiben die Kinder in Moldawien, einem der ärmsten Länder Europas zurück und werden von Familienangehörigen umsorgt. Der Arbeit ist eine Zurschaustellung etwaigen Leids fern, Diefenbachs Fotografien zeugen von großem Respekt und Empathie gegenüber den abgebildeten Personen.
Jens Ullrichs Arbeit Refugees In A State Apartment (2015) resultierte aus seinen Eindrücken von der Situation der Geflüchteten im Berliner Lageso und seinem Gefühl, irgendetwas zu dem Thema machen zu müssen. Das Ergebnis sind Aufnahmen Geflüchteter – zumeist in sich gesunken sitzend, die Kapuze tief ins Gesicht gezogen –, die in unterschiedliche Interieurs herrschaftlicher Villen montiert wurden. Die Arbeit bleibt jedoch eine leere Geste, die Technik der Fotomontage wirkt wie eine fehlplatzierte Redensart. Als sei die die Anwesenheit der Geflüchteten im Lageso unter den Umständen wie sie 2015 herrschten, nicht Deplatzierung genug.
Txema Salvans The Waiting Game zeigt heimlich aufgenommene Bilder von Prostituierten, die auf ihre Freier warten. Um sich den Frauen ungehindert nähern und sie unbemerkt fotografieren zu können, verkleidete sich der Fotograf als Arbeiter. Die Entscheidung für oder gegen das Fotografiertwerden wurde den Frauen somit genommen – der Zweck heiligt die Mittel.
Der Text „Warten – Zur Erkundung einer aussterbenden Kulturtechnik“ von Johannes Vincent Knecht auf der für die Ausstellung konzipierten Internetseite www.warten-kunsthalle.de spricht einen Aspekt an, der in der Ausstellung leider nicht beleuchtet wird. Hier heißt es: „Auch im Bereich zwischengeschlechtlicher Verhaltensweisen entfaltet das Thema diagnostische Kraft und entlarvt die Unausrottbarkeit kulturell gewachsener Unterwerfungsbeziehungen. Vor allem die Frau hat in älterer Zeit nach literarischem Vorbild hoffend zu warten gelernt, entweder wie die tugendsame Jungfrau im biblischen Gleichnis auf den richtigen Mann fürs Leben oder in kindlicher Märchengläubigkeit auf den schönen (und reichen) Prinzen. Im Stand der Ehe dann wartet sie als bürgerliche Wiedergängerin der homerischen Penelope häuslich-treusorgend auf den Gatten, der sich heldenhaft und polygam in der Welt – gern auch im Krieg – herumtreibt.
Die Lücke hätte Faith Wildings Arbeit Waiting schließen können. Die Performance fand 1972 im Womanhouse statt, einem Künstlerinnen-Programm des California Institute of the Arts. Die Arbeit thematisiert die Rollenverteilung zwischen den Geschlechtern und umschreibt das Leben der Frau als eine einzige Warteschleife. Auch Ulrike Rosenbachs Zehntausend Jahre habe ich geschlafen setzt sich mit der vermeintlichen Passivität der Frau und dem Warten auf die Ereignisse des Lebens auseinander. Und Leslie Labowitz‘ Menstruation Wait (1971/72) rückt – lange vor dem New Wave Feminism – das sonst im Heimlichen stattfindende Warten auf die Periode ins Blickfeld.

Warten. Zwischen Macht und Möglichkeit
17.2. – 18.6.2017
Hamburger Kunsthalle
Glockengießerwall 5
20095 Hamburg

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