Den Himmel reparieren // Lee Mingwei im Gropius Bau Berlin

Beim Verlassen der Ausstellung 禮Li, Geschenke und Rituale des Künstlers Lee Mingwei (geboren 1964 in Taichung, Taiwan, lebt in Paris und New York) fühlt man sich, als hätte man gerade einen guten Freund besucht. Irgendwo zwischen der Herz- und der Bauchgegend macht sich ein wohliges Gefühl bemerkbar: Der Nachhall intimer Gespräche, in denen prägende Ereignisse und Begegnungen ausgetauscht wurden, in denen man sich Geschichten erzählte, die die Kindheit begleiteten.

Lee Mingweis Arbeiten sind wie Versatzstücke einer solchen vertrauten Unterhaltung. Ihren Ausgangspunkt finden sie oft in persönlichen Erlebnissen des Künstlers. Lee öffnet diese Erinnerungsräume für die Besucher*innen, er lädt sie dazu ein, hieran anzuknüpfen und so Teil einer umfassenderen Erzählung zu werden.

Die Ausstellung wird auf diese Weise zu einem Ort des Austauschs und der Begegnungen: Fabric Memory (2006/2020) ist inspiriert von einer Begebenheit in seiner frühen Kindheit. Als kleiner Junge weigerte er sich am ersten Kindergartentag seine Mutter zu verlassen, also schenkte sie ihm eine eigens für diesen Anlass genähte Jacke. Er solle sich vorstellen, das Kleidungsstück sei sie, die ihn den ganzen Tag im Arm halte. An dieses Erlebnis anknüpfend, startete Lee im Vorfeld der Ausstellung den Aufruf, ihm Stoffgegenstände zukommen zu lassen, die von einer geliebten Person angefertigt worden waren. Die zur Verfügung gestellten Textilien liegen in der Installation in Holzkisten, die wie ein Geschenk mit einem traditionellen japanischen sanada himo-Band zugebunden sind. Öffnet man sie, findet sich auf der Innenseite des Deckels die Geschichte, die das jeweilige Objekt begleitet. Berührende Episoden tauchen aus den Kisten auf, Lebenswege, die untrennbar mit den Kleidungsstücken und Stoffgegenständen verbunden sind.

Auch dem Projekt The Living Room (2000/2020) ging ein Aufruf voraus: Der Künstler lud Menschen mit einzigartigen Sammlungen dazu ein, diese im Rahmen der Ausstellung jeweils eine Woche der Öffentlichkeit zugänglich zu machen. 11 Sammlungen werden nun nacheinander präsentiert, zu ausgewählten Zeiten sind die Gastgeber*innen vor Ort anwesend, um sich mit Interessierten über ihre Exponate auszutauschen.

Es sind die Gastfreundschaft und das Interesse am Gegenüber, die aus Arbeiten wie Fabric Memoryund The Living Roomsprechen, und die dem Besuch der Ausstellung eine ganz besondere Färbung verleihen. In allen Werken schwingt außerdem der Aspekt der Wertschätzung mit. So erinnert The Mending Project (2009/2020) an die japanische kintsugi-Tradition, bei der zerbrochene Töpferware mit Gold ausgebessert wird. Besucher*innen können ein versehrtes Kleidungsstück mitbringen, das vor Ort von einer Näherin repariert wird. Bevor die ausgebesserten Kleidungsstücke nach Ablauf der Ausstellungsdauer wieder zu ihren Besitzer*innen zurückkehren, werden sie zunächst auf einem Tisch gesammelt. Die Fäden der geflickten Stellen sind mit an der Wand angebrachten Spulen verbunden. Die deutlich sichtbaren Reparaturen machen die Kleidungsstücke zu Unikaten, gleichzeitig sind sie zu einem großen Ganzen miteinander verbunden.
Lees Arbeiten changieren häufig zwischen der Wertschätzung des Individuellen, Persönlichen und der Einbettung dieses Besonderen in einen gemeinsamen Kontext, in etwas Allumspannendes. Alles, so scheinen seine Arbeiten zu sagen, ist Teil eines Größeren, das uns eingedenk unserer Einzigartigkeiten eint.

Immer wieder fragt der Künstler auch welchen Wert Kunstwerke jenseits des finanziellen, materiellen Wertes haben können. So ist Nu Wa Project (2005) so konzipiert, dass sie nach Eingang in eine Sammlung verschwinden soll. Der Arbeitliegt eine Erzählung zugrunde, mit der Lee Mingwei aufwuchs – der Schöpfungsmythos der Göttin Nu Wa: Nachdem das Himmelsgewölbe von sich bekämpfenden Göttern zerstört worden war, schmolz Nu Wa Steine ein um so den Himmel zu reparieren und um die menschlichen Geschöpfe zu beschützen. Mit der Wiederherstellung des Himmels verkündete die Göttin Frieden im Himmel und auf Erden. Lees Arbeit besteht aus einem traditionellen handgewebten Seidendrachen, auf dem die Göttin dargestellt ist. Die Person, die den Drachen erwirbt, ist dazu angehalten, ihre Träume auf den Stoff zu schreiben und ihn im Anschluss steigen und davonfliegen zu lassen. Erst durch diesen Akt, bei dem das materielle Objekt freigelassen wird, wird Nu Wa Project vervollständigt.

Oft sind es nicht nur die hinter den Arbeiten stehenden Geschichten des Künstlers oder die Erzählungen teilnehmender Personen, die Emotionen bei der Betrachterin erzeugen – Arbeiten wie The Letter Writing Project (1998/2020) bringen Reflexionsprozesse ins Laufen, die nicht nur angenehm sind. In dieser Installation sind die Besuchenden eingeladen, einen Brief zu verfassen, in dem sie sich bei jemandem bedanken oder entschuldigen. Adressierte und verschlossene Briefe werden nach Ablauf der Ausstellung vom Gropius Bau-Team versandt, offen gelassene Briefe sind für andere lesbar und werden am Ende des Projekts vom Künstler in einer Zeremonie verbrannt. Über 60.000 solcher Briefe hat Lee bereits zusammengetragen.

Es hat etwas Ironisches: Ausgerechnet diese Ausstellung, die die Art und Weise, wie eine Kunstinstitution ihr Publikum und die ausgestellten Werke aufnimmt, herausfordert, fällt in die Corona-Zeit. Arbeiten wie The Sleeping Project (2000/2020), The Dining Project (1997/2020) und Sonic Blossom (2013/2020) können aufgrund der Corona-Bestimmungen nicht in ihrer ursprünglichen Konzeption durchgeführt werden. Dabei verkörpern gerade diese Arbeiten das konfuzianische Prinzipli besonders kraftvoll. li umfasst Gedanken zu Riten, Ritualen und Geschenken und liegt der gesamten Ausstellung zugrunde.

In Sonic Blossom verschenkt ein*e Opernsänger*in ein Lied aus Franz Schuberts Repertoire. Ein in der Ausstellung gezeigtes Video vermittelt eine Vorstellung der Arbeit, wie sie vor Corona stattfand: Die beschenkte Person sitzt im Ausstellungsraum auf einem Stuhl und nimmt das immaterielle Geschenk entgegen. Immer wieder sind die beschenkten Personen zu Tränen gerührt und umarmen die Sängerin als Dankeschön. Das Umarmen einer fremden Person – in Zeiten, in denen unter Umständen nicht einmal die Liebsten umarmt werden dürfen, scheint diese Geste wie ein Relikt einer fernen Unbeschwertheit.

Die Performance findet nun aufgrund der aktuellen Situation online statt. Auf der Homepage des Gropius Bau können Interessierte sich per Email zu einer Einzeldarbietung per Zoom anmelden.

Auch The Dining Project erfährt aufgrund des Virus eine größere Veränderung. Unter normalen Umständen hätte jeden Dienstag – der Gropius Bau ist an diesem Tag für die Öffentlichkeit geschlossen – eine per Verlosung ausgewählte Person ein Mittagessen in der eigens hierfür gestalteten Plattform in einem der hinteren Räume der Ausstellung erhalten. Der Künstler selbst oder ein Mitglied des Gropius Bau-Teams hätte das Essen zubereitet und es mit der ausgewählten Person eingenommen. Da die Performance in dieser Form nun nicht möglich ist, findet die Zusammenkunft per Video-Chat statt. Hierfür tauschen der Künstler und die jeweilige Person vorab ein Rezept für ein Gebäck aus, das dann beim virtuellen Treffen gemeinsam verzehrt wird.
Doch es gibt auch Arten des Beisammenseins, die sich nicht in digitale Räume übersetzen lassen: The Sleeping Project wird aufgrund von Corona unmöglich. Sechs per Zufallsprinzip ausgewählte Personen hätten hier gemeinsam mit dem Künstler oder einem Mitglied des Gropius Bau-Teams eine Nacht in der Ausstellung verbracht. Die hierfür bereitstehenden Betten bleiben nun unbenutzt.

Ja, 禮Li, Geschenke und Ritualeerfährt durch die Pandemie Einschränkungen und ja, das Zusammenfallen von Lee Mingweis Ausstellung und Corona ist von Ironie geprägt. Aber: Gerade Lee Mingweis Arbeiten vermitteln etwas, dass wir in diesen Zeiten besonders brauchen: Das Gefühl, gerade mit einem Freund zusammen gewesen zu sein, der sich für uns und unsere Geschichten interessiert.

Abbildung: Our Labyrinth, 2015/2020

Gropius Bau Berlin

 

 

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