e.e. – épreuve d’essai

Die Druckgrafik ist ein weites Feld. Sie lässt sich in verschiedene Gruppen unterteilen – Durchdruck, Flachdruck, Hochdruck, Tiefdruck –, die sich wiederum in mehrere Verfahren auffächern. Trotz ihrer technischen Zwänge und Grenzen ist die Druckgrafik sehr vielseitig: So kann beispielsweise eine Lithografie malerisch erscheinen, oder zeichnerisch, sie erlaubt kräftige Farben, die geradezu leuchten und transparente Flächen, die an lasierende Farbaufträge erinnern. Was sie dabei den Betrachtenden nicht Preis gibt, ist ihr aufwendiger Entstehungsprozess, all die Arbeitsschritte, deren präzise Ausführung für das Ergebnis entscheidend sind. Von dem oder der Künstler*in fordert die Druckgrafik ein hohes Maß an Kenntnis, handwerklicher Gründlichkeit und Geduld.
Auf dem langen Weg vom ersten Vorbereiten des Druckgrundes bis zum Signieren einer Edition markiert der Vermerk e.e. – épreuve d’essai den letzten Probedruck vor der tatsächlichen Auflage. Anders als bei einem Zustandsdruck, einem épreuve d’état, werden nun keine Änderungen mehr vorgenommen, er wird vom finalen Druckträger gefertigt. Insofern schließt der épreuve d’essai einen langen Arbeitsprozess ab, er ist das Ergebnis einer Aneinanderreihung zahlreicher, aufeinander aufbauender handwerklicher Handlungen und künstlerischer Entscheidungen.
e.e. – épreuve d’essai beschreibt somit zugleich einen durchlaufenen Arbeitsprozess und einen für gut befundenen Zustand, ein Ergebnis. Dieser Aspekt des Experimentierens und des Ausprobierens, des Suchens und Findens neuer Formen eint auch die Positionen der vier Absolvent*innen der Kunsthochschule Weissensee. Ausgehend von unterschiedlichen Ansätzen und Fragestellungen setzen sich Magdalena Beger, Daniel Ewinger, Tomoko Mori und Muriel Tauber mit dem Medium Druckgrafik auseinander und geben anhand ihrer Werke einen Einblick in die Vielseitigkeit einer der ältesten Kunsttechniken.
Im ersten Raum der Galerie übersetzen Daniel Ewinger und Tomoko Mori ihre Beobachtungen aus dem urbanen Umfeld in ihre je eigene Sprache.

Wie durchsichtige Wände strukturieren die vier Bahnen aus violettem Armierungsgewebe den vorderen Bereich der Galerie. Daran hat Tomoko Mori ihre Drucke zu einer Installation (Sanbanse) angeordnet: Abstrakte Einheiten, bestehend aus Farben und Formen, schweben gewissermaßen im Raum und treten in Austausch mit den architektonischen Eigenheiten der Galerie und des Hofes, der durch die Fenster sichtbar wird. Es scheint, als würde die Künstlerin, deren Bildsprache vom urbanen Raum und von Baustellensituationen inspiriert ist, ihre Motive wieder ein stückweit in diesen Kontext zurückführen.
Mori kombiniert in ihren Lithografien und Monotypien unterschiedliche Techniken, lässt die spezifischen Eigenheiten und Möglichkeiten, die diese bereithalten, miteinander reagieren und kreiert so spannungsreiche Kompositionen. Harte und weiche Kontraste, deckende und lasierende Farbaufträge, flächige und malerische Elemente treffen aufeinander. Dabei umfasst ihre Arbeitsweise sowohl geplantes Vorgehen als auch die Bereitschaft, sich spontan auf die Eigenheiten eines Materials einzulassen und die Freude am Unvorhersehbaren, Ungeplanten, das in der Lithografie nie vollends ausgeklammert werden kann. Ursprünglich im Medium Malerei arbeitend sucht sie kontinuierlich nach Möglichkeiten, den Bildraum zu erweitern, so dass häufig auch die Wand hinter einem Gemälde integriert wird. Diese Praxis der „Entgrenzung“ des Bildes findet auch hier statt, indem die Installation sich geradezu im Raum fortschreibt. Sowohl durch das Übereinanderlegen der einzelnen Gewebebahnen als auch durch das auf Boden und Wand entstehende Schattenspiel wird das Prinzip des Schichtens wiederholt. Auf diese Weise demonstriert die Installation das Entstehungsprinzip einer mehrfarbigen Lithografie, bei welcher jede Farbe einzeln gedruckt wird und das Bild sich nach und nach aufbaut. Wie bei einem Blick durch eine Lupe vermittelt auch der stark vergrößerte Digitaldruck der Arbeit Brot das Miteinander der unterschiedlichen Oberflächen, Farben und Formen, das ihre Druckarbeiten auszeichnet.

Ebenfalls aus der Malerei kommend, bewegt sich Daniel Ewingers künstlerische Vorgehensweise zwischen „Formauflösung und Formwerdung“: Ein figürliches Motiv verschwindet zunehmend hinter einem immer dichter werdenden, abstrakten Farbauftrag. So entsteht ein starkes Rauschen, geradeso als befände sich die Bildoberfläche in ständiger Unruhe.
In der Lithografie Martinique laufen die expressiven Kreidestriche und –kreise wild durcheinander. Wo sie weniger dicht gesetzt wurden, bildet sich schemenhaft eine Figur heraus, die jedoch sogleich wieder im Gemenge verschwindet. Obwohl die Lithografie die Möglichkeit des spontanen Schichtens mehrerer Farbaufträge ausschließt und der Künstler sich hier auf eine Farbe – Schwarz – reduziert, zeigen sowohl Martinique als auch o.T. das „Ewinger’sche“ Wabern. Nicht durch das wiederholte, pastose Auftragen von Farbe wird hier Bewegung erzeugt, sondern durch die Art und Weise der Verteilung einzelner Kreidestriche. Einen besonderen Effekt erzielen hierbei die gestrichelten Elemente, die durch festes Aufdrücken der Kreide entstanden und an kleine Würmchen erinnern. In o.T. wurde zusätzlich Rubbing Ink verwendet, eine sehr weiche Lithokreide, deren Wischeffekt sich deutlich von den dunklen Tönen der herkömmlichen Kreide und den stellenweise schwarzen Flächen unterscheidet.
In den Arbeiten Pflastersteine in Neukölln, Wohnung, Kottbusser Tor, Suse und i-Pad wurden die gegenständlichen Elemente nicht übermalt. Die comicartigen Darstellungen erzählen Sequenzen aus dem Berliner Alltag und setzten sich aus teilweise identifizierbaren, teilweise undefinierbaren Formen zusammen, die nicht nur einen Einblick in die Bilderwelt des Künstlers gestatten, sondern auch hinter die Kulissen seiner künstlerischen Auseinandersetzung blicken lassen. So wie die Titel seiner Gemälde teils zum Schmunzeln, teils zum Nachdenken anregen, bewegen sich auch die Motive der Drucke zwischen diesen beiden Aspekten.

Magdalena Beger bezeichnet ihre künstlerische Vorgehensweise als „Druckgrafikerdialog“. Nicht ohne Grund: Vorwiegend mit Radierung und Lithografie arbeitend, lotet sie die Möglichkeiten und Grenzen dieser Druckverfahren aus und sucht nach einem Ausdruck, der sich der Spontaneität der Malerei annähert. Der Blick auf das in dem kleinen Nebenraum gezeigte Porträt Nike veranschaulicht hierbei den großen Gestaltungspielraum, der sich zwischen den verschiedenen Verfahren und Techniken der Druckgrafik aufspannt.
Die Arbeit o.T. (lila) unterscheidet sich in ihrer gestischen Formensprache grundsätzlich von Nike: Das Motiv scheint regelrecht von der Bewegung der Künstlerin nachzuschwingen. Diese malerische Wirkung verdankt o.T. (lila) der Spitbite-Technik, wobei mit Säure direkt auf der mit einer Aquatinta vorbereiteten Platte gearbeitet wird. Die Struktur des Pinsels wird so unmittelbar übertragen, wobei die Tonabstufungen aus unterschiedlich langen Ätzzeiten resultieren – je später die Säure abgewaschen wird, desto tiefer die Ätzung.
In o.T. (rot) verzichtete Beger auf die Verwendung eines Zeichenmaterials und „malte“ direkt mit dem Finger auf einer Weichgrundplatte. Nur an diesen Berührungsstellen reagierte die Säure im anschließenden Säurebad und ließ den Duktus des Fingers sichtbar werden. Die Spiegelung des Motivs entstand durch spontanes Neudrucken von der umgedrehten Platte.
Durch den Einsatz verschiedener Techniken realisiert die Künstlerin eine abstrakte Bildsprache, deren vermeintliche Leichtigkeit über die Langwierigkeit der Druckgrafik hinwegtäuscht. Was wie das Ergebnis einer sekundenschnellen Handlung daherkommt – beispielsweise der unterschiedlich starke, gegen Ende ausfransende Farbauftrag in Flames, entstanden mit Hilfe der Ausprengtechnik und der Aquatinta Stufenätzung – ist das Resultat zahlreicher Arbeitsschritte, bei denen sich genaue Kenntnis des Materials mit der Freude zum Experiment abwechseln.

Aus diesem Raum wird auch der Blick auf Muriel Taubers Arbeit ripped pool frei. Ein abstraktes Tohuwabohu, bestehend aus Farben, Formen und Mustern, breitet sich über die acht neben- und untereinander gehängten Blätter aus. Nach und nach schälen sich einzelne figürliche Elemente heraus und finden sich zu einer angedeuteten Narration zusammen. Und schließlich fallen auch die Verschiebungen in den Blick, die sich durch versetzt aneinander angefügte Elemente ergeben. So wie ein Objekt unter Wasser Verformungen und Verzerrungen erfährt und sein Äußeres zwischen undefinierbarer, veränderbarer und festgelegter Form changiert, so oszillieren auch Muriel Taubers Arbeiten zwischen diesen Polen.
Ebenfalls in der Druckgrafik „zuhause“, lässt sie durch das Zusammenspiel unterschiedlicher Techniken in ihren Arbeiten ein starkes Spannungsfeld entstehen. So führen beispielsweise in der Serie ink pools die Hell-Dunkel-Kontraste, die Überschreitung der Druckbegrenzung und die Strukturen der einzelnen Bildschichten zu einer starken Dynamik innerhalb des Bildraums.
Dieser Bildraum wird in der Arbeit ripped pool fragmentiert und neu zusammengefügt, so dass die Flachheit – Eigentümlichkeit der Druckgrafik – teilweise aufgehoben wird. Die Künstlerin fertigte zunächst eine Papiercollage an, die anschließend in acht Teile zerschnitten wurde. Die einzelnen Elemente der ursprünglichen Collage druckte sie im Verfahren der Monotypie, wobei sie nicht wie gewöhnlich die Form auf die Platte auftrug, sondern die Platte in die jeweilige Form zurechtschnitt und sie erst dann einfärbte. Den Charakter einer Collage erhält die Arbeit nun durch die Neuanordnung der Formen, deren unterschiedliche Muster und Beschaffenheit sich voneinander abheben und durch das Hinzufügen des Transparentpapiers, auf das zuvor mit Kuli und Bleistift gezeichnet wurde. Die kleinen Abstände zwischen den Blättern sorgen für eine Unterbrechung des Bildes und verstärken den Eindruck eines Ganzen, das sich durch einzelne Teile zusammensetzt.

Auf vielfältige Weise verbinden die vier KünstlerInnen in ihren Arbeiten den Aspekt des Traditionellen, der der Druckgrafik anhaftet, mit ihren eigenen künstlerischen Herangehensweisen und Fragestellungen und verdeutlichen so ihre Aktualität und Wandelbarkeit.

 

Katalogtext für die Ausstellung e.e. – épreuve d’essai in der rk – Galerie für zeitgenössische Kunst im Ratskeller Lichtenberg

Mit Magdalena Beger, Daniel Ewinger, Tomoko Mori und Muriel Tauber

Installationsaufnahme: © Oliver Wolff

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