„Der Kunstbetrieb muss elternfreundlicher werden“ – Interview mit der Künstlerin Hannah Cooke

Text für Monopol-Magazin (4.4.2021)

Hannah Cooke setzt sich in ihrer Arbeit unter anderem mit dem Bild von Müttern in der Kunst auseinander. Im Interview spricht sie über hartnäckige Stereotype, Hindernisse bei Stipendien und Solidarität unter Künstlerinnen

Das Video „Ada vs. Abramović“ (2018) zeigt das Setting der Performance „The Artist is Present“, die die Performancekünstlerin Marina Abramović 2010 während ihrer Retrospektive im New Yorker Museum of Modern Art zeigte: Eine Frau – Abramović selbst? – sitzt in einem Ausstellungsraum an einem Holztisch. Die Künstlerin Hannah Cooke betritt das Bild, ihre Tochter Ada auf dem Arm. Sie setzt sich auf den freien Stuhl und beginnt, das Baby zu stillen. Dabei blickt sie der Frau konzentriert in die Augen. Man hört ein Geräusch wie von einer fliegenden Drohne und das rhythmische Atmen und Schlucken des trinkenden Kindes. Die sanft über die Beinchen streichelnden Hände der Künstlerin sind die einzigen Bewegungen.

Szenenwechsel: In dem Video „Ada vs. Emin“ (2018) ist eine Installation zu sehen, die Tracey Emins „My Bed“ (1998) täuschend ähnlich ist. Inmitten des schmutzigen, ungemachten Bettes sitzt Hannah Cooke und stillt ihre Tochter.

Das ist alles andere als selbstverständlich, denn das Thema Mutter- und Elternschaft wird in der Kunst noch immer eher selten verhandelt, obwohl die Vereinbarkeit von Familie und Karriere viele Kreative umtreibt. Gerade in der Pandemie mit ihrer ungeklärten Betreuungsfrage bei geschlossenen Schulen und Kitas geraten viele Familien an ihre Grenzen. Ein Großteil der Sorgearbeit in der Pandemie wird von Frauen geleistet.

Wir haben mit Hannah Cooke über ihre „Ada vs.“-Serie, Elternschaft in der Kunstgeschichte und ihre Erfahrungen im Kunstbetrieb gesprochen.

Hannah Cooke, in Ihrer Serie „Ada vs.“ hinterfragen Sie das Mutter- und Frauenbild in der Kunstwelt. Im Stil der Appropriation Art bedienen Sie sich ikonischer Arbeiten von Marina Abramović und Tracey Emin und fügen sich selbst ein. Sie schaffen sich einen Platz, könnte man sagen. Wie sind Sie auf die Arbeiten gekommen?

Als ich Mutter wurde, habe ich mich gefragt, wie es jetzt künstlerisch für mich weitergehen kann. Ich habe nach Künstlerinnen recherchiert, die Mutterschaft und künstlerische Arbeit vereinen und bin auf viele positive, Mut machende Beispiele getroffen. Aber da gab es eben auch das Interview mit Marina Abramović im „Tagesspiegel“ von 2016 und das mit Tracey Emin in „Red“ aus dem Jahr 2012, in denen sie sich sehr abfällig über die Vereinbarkeit von Mutterschaft und künstlerischer Arbeit äußern.

Hannah Cooke, „Ada vs Emin“ (Video, 2018), Foto: Courtesy Hannah Cooke

Abramovic sagt unter anderem, dass sie glaubt, Frauen seien in der Kunst weniger erfolgreich als Männer, weil sie nicht auf Liebe, Kinder und Familie verzichten wollen. Tracey Emin äußert sich überzeugt, dass sie entweder 100 Prozent Künstlerin oder 100 Prozent Mutter sein müsse. Was haben die Interviews ausgelöst?

Als ich das gelesen habe, dachte ich: Das ist riesiger Mist! Das kann nicht sein! Wir wissen alle, dass es im Kunstbetrieb zuhauf Machos gibt und dass es für Frauen nicht leicht ist, sich hier zu behaupten, aber dass uns Frauen in den Rücken fallen, die ja eigentlich auch starke feministische Positionen darstellen, das hat mich umgehauen. Dem wollte ich unbedingt etwas entgegensetzen. Es geht mir nicht darum, ihnen die eigene Meinung abzusprechen, jede Frau kann das selbstverständlich für sich entscheiden und sich auch frei dazu äußern. Die „Regretting Motherhood“-Debatte hat ja sehr deutlich gemacht, dass es nicht für jede Frau das richtige ist, Mutter zu sein. Was mich aber massiv stört, ist, dass Abramović und Emin sich traditioneller, maskuliner Argumentationen bedienen und es so darstellen, als sei es ausgeschlossen, dass eine Künstlerin mit Kindern noch gute Arbeit produzieren kann. In den Aussagen schwingen Dinge mit, mit denen ich mich auch schon in anderen Arbeiten auseinandergesetzt habe: Genie-Kult, Künstlerego, Hierarchien in der Kunstwelt, Autor:innenschaft, der Leistungsgedanke.

Können Sie das ausführen?

Diese Annahme, man könne nur Kunst schaffen, wenn der Künstler oder die Künstlerin sich ihr zu 100 Prozent verschreibt, ist doch nicht mehr zeitgemäß. Darüber sollten wir längst hinweg sein. Genie-Kult ist etwas, was wir heute noch oft genug in der Kunstwelt finden. Jeder Bereich des Lebens kommt nach der Kunst, auch die Liebe, Familie, das Zwischenmenschliche. Aber natürlich sind Abramovićs und Emins Aussagen symptomatisch. Es ist schon so, dass man als junge Künstlerin leicht dem Glauben verfallen kann, es sei unmöglich, beides zu vereinen. Da muss sich im Kunstbetrieb einiges ändern, er muss frauen-, mutter- und allgemein elternfreundlicher werden. Ich habe mich wie erwähnt ziemlich aufgeregt, als ich Abramovićs und Emins Aussagen gelesen habe, aber ich muss sagen, dass ich es eigentlich gut finde, dass sie es geäußert haben. So entstand eine Reibungsfläche, die öffentliche Auseinandersetzung möglich macht. Diese Annahme, dass Muttersein und Künstlerinsein sich ausschließen, existiert ja leider in vielen Köpfen, aber so klar und krass sagt es niemand. Ich bin den beiden also fast ein bisschen dankbar.

Schauen wir nochmal auf Tracey Emins Bett und die davor versammelten Dinge: Leere Wodkaflaschen, massenweise Zigarettenstummel, Kondome, leere Kontrazeptivum-Verpackungen… Das alles entspricht dem Bild der Künstlerin als einem alleinstehenden, radikalen, verschwenderischen Individuum, das geniale Kunst schafft, wilden Sex hat und massenhaft Alkohol und Drogen konsumiert. Während die Ablenkungen, die durch Sex, Drogen und Partys entstehen, zum Künstlerimage gehören, sind solche Ablenkungen, die sich durch fürsorgende, pflegende Tätigkeiten ergeben, offenbar nicht vorgesehen …

Die Entscheidung, mich auf „My Bed“ zu beziehen, hatte auch damit zu tun, dass sich meine erste Zeit des Mutterseins zu großen Teilen im Bett abspielte. Das war für mich ein wichtiger Rückzugsort, der Geborgenheit ausstrahlt. Emin hat an diesem Ort komplett andere Erfahrungen gemacht; diese Diskrepanz fand ich spannend.

Mierle Laderman-Ukeles, Lea Lublin, Ulrike Rosenbach, Courtney Kessel, Lenka Clayton, Katharina Bosse – das sind nur einige Beispiele von Künstlerinnen, die ihre Kinder direkt in ihre Kunst integrieren, sie zu einem Teil einiger Arbeiten machen. War es eine schwere Entscheidung, Ada in Ihren Arbeiten zu zeigen?

Nein, ich hatte von Anfang an dieses Bild im Kopf, wie die Arbeit aussehen soll. Es war mir auch wichtig, dass sie sichtbar ist und dass ich sie stillen werde. Ich wurde oft auf das Madonnenhafte angesprochen.

Interessant, dass eine Frau, die ihr Kind stillt, immer noch das Bild der Madonna mit ihrem Kind hervorruft.

Ja, das stimmt. Das Bild, das in der christlich-abendländischen Kunstgeschichte geschaffen wurde, prägt teilweise heute noch das Bild von Mutterschaft.

Nehmen Sie positive Entwicklungen in Richtung einer Öffnung der Kunstwelt für Künstlerinnen-Mütter wahr?

Ja, ich merke deutlich, dass sich was tut. Es gab ja beispielsweise im Februar 2019 die Monopol-Ausgabe, die sich dem Thema „Kind und Kunst“ als dem letzten Tabu in der Kunst widmete. Ich glaube, das war wichtig, um die Auseinandersetzung damit im breiten Kunstdiskurs ankommen zu lassen. Dann gab es auch ein paar Ausstellungen: „Beyond Re/Production: Mothering. Dimensionen der sozialen Reproduktion im Neoliberalismus“ 2011 im Kunstraum Kreuzberg, 2015/16 „Rabenmütter. Zwischen Kraft und Krise: Mütterbilder von 1900 bis heute“ im Lentos Kunstmuseum Linz, 2018 „bitch MATERial“ im Studio 1 im Kunstquartier Bethanien in Berlin. Und diesen Herbst wird in der Kunsthalle Mannheim die Ausstellung „Mutter!“ eröffnen.

Und außerhalb von Ausstellungen?

In den sozialen Medien und insbesondere auf Instagram gibt es viele Kanäle, die sich dem Thema widmen. Marcia Breuer hat das Manifest „Mehr Mütter für die Kunst“ verfasst, in dem konkrete Forderungen gestellt werden. Im Rahmen der Förderung „Neustart Kultur“ gab es eine extra Kategorie für Künstler:innen mit Kindern unter sieben Jahren. Allerdings wurden die Gelder so ausgeschüttet, dass mehr Männer begünstigt wurden; das spiegelt so leider nicht die Realität wider, denn in den meisten Fällen sind doch eher die Frauen diejenigen, die sich um die Kinder kümmern…

Es gibt auch einen Mother Art Prize, für den Sie 2018 nominiert waren. Eine gute Idee?

Der Preis wurde von Procreate Project ins Leben gerufen, das sich um eine Infrastruktur für bessere Repräsentation und Arbeitsbedingungen für Künstlerinnen bemüht, die auch Mutter sind. Ich muss zugeben, dass ich mir anfangs nicht sicher war, ob ich mich bewerben soll. In meiner künstlerischen Praxis setze ich mich nicht hauptsächlich mit Mutterschaft auseinander, sondern hinterfrage die Kunstwelt und die dort herrschenden Hierarchien, auch in der „Ada vs.“-Serie ging es mir hauptsächlich um Systemkritik. Ich hatte die Befürchtung, dass meinen Arbeiten der Mutter-Künstlerin-Stempel aufgezwungen wird. Als sei das was Schlechtes… aber ich wollte nicht auf diese Auseinandersetzung reduziert werden. Letzten Endes bin ich aber sehr froh, dieses „Mutter-Künstlerin-Fass“ geöffnet zu haben. Ich bewege mich jetzt seit rund zehn Jahren in der Kunstwelt, aber so warme, aufnehmende und unterstützende Haltung wie in dieser Community der Mutter-Künstlerinnen habe ich noch nie erlebt. Hier spielt Vernetzung eine große Rolle, frau macht sich gegenseitig auf Open Calls, Ausschreibungen und Veröffentlichungen aufmerksam. Da geht es nicht um Exklusivität, sondern darum, sich gegenseitig zu unterstützen. Das habe ich sonst in dieser Form noch nirgends in der Kunstwelt erfahren.

Ist das eine hauptsächlich cis-weibliche Community?

Ja, schon. Queere Positionen sind mir hier noch nicht begegnet. Ich denke, da gibt es nochmal spezielle Netzwerke. Auch Männer, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen kenne ich bisher keine. Auch in dem Fall gilt: Sprache schließt aus. Nehmen wir das Beispiel „Mother Art Prize“: Es wurde in der Ausschreibung zwar betont, dass es sich an Menschen mit caring responsibilities richtet, aber trotzdem wird sich wahrscheinlich eher kein Mann oder eine queere Person ohne Kind angesprochen fühlen, auch wenn sie sich mit dieser Thematik auseinandersetzen. Die Institutionen müssen ihre Sprache sensibilisieren und inklusiver werden.     

Von November 2019 bis April 2020 waren Sie Stipendiatin in der Cité Internationale des Arts Paris. Was haben Sie als Mutter dort für Bedingungen vorgefunden?

Ich wurde nicht unterstützt als es darum ging, eine Betreuung für meine Tochter zu finden, die damals ungefähr zwei Jahre alt war. Das ist eine der wichtigsten und renommiertesten Residency-Programme in Europa, es gibt dort über 300 Ateliers, die ständig besetzt sind und es sind immer wieder auch Menschen mit Kindern dabei. Aber die Infrastruktur ist überhaupt nicht auf Kinder ausgerichtet, es gibt nicht mal einen Hochstuhl, den man sich leihen könnte.

Wie sind Sie damit umgegangen?

Wir mussten alles, was wir als Familie brauchten, mit dem Sprinter nach Paris fahren. In unserem Fall ging das, wenn jemand von weiter wegkommt, ist das schwieriger. Ich habe rund zwei Monate damit zugebracht, mich um eine Betreuung zu kümmern und habe dabei keinerlei Unterstützung von der Cité erhalten – zum Glück waren die Leute im Rathaus wahnsinnig hilfsbereit, sodass es noch vergleichsweise schnell ging, dass wir einen Platz gefunden haben. Und ohne die Unterstützung meines Mannes wäre das alles gar nicht gegangen. Kinder kommen nur in den Regularien vor, wenn es um ihre Unterbringungskosten geht: Die muss man selbst übernehmen. Als wir endlich einen Kitaplatz hatten, kam zuerst der landesweite Generalstreik und im Anschluss Corona. Im Endeffekt hatte ich von sechs Monaten nur zwei Monate, um konzentriert zu arbeiten. Das hatte ich mir anders vorgestellt.

Stipendien sind für Menschen mit Kindern also eine große Herausforderung?

Ich habe mich sehr darüber geärgert, dass es keine Unterstützung gab und dass es Künstler:innen mit Kindern so schwer gemacht wird. Nach meinem Aufenthalt erstellte ich für nachkommende Eltern eine Anleitung, was es alles braucht, um Kinderbetreuung in Paris zu beantragen, damit sie nicht wieder bei Null anfangen müssen. Das ist aber eigentlich nicht meine Aufgabe, sondern Aufgabe der einladenden Institution. Die Cité hat mittlerweile eine neue Leitung, vielleicht wird es bald besser. Und man muss leider auch sagen, dass es nicht selbstverständlich ist, dass man ein Kind überhaupt mitbringen kann zu einer Residency. Ich habe auch schon von Fällen gehört, in denen die Institution wusste, dass die Künstlerin ein kleines Kind hat und tatsächlich aber davon ausging, dass sie ohne das Kind kommt …
    
Haben Sie manchmal den Eindruck, dass Sie als Künstlerin und Mutter beweisen müssen, dass es klappt, beides zu vereinen?

Nein, warum sollte ich mich jetzt als Mutter mehr beweisen müssen als ohnehin schon als Künstlerin? Das hebt schon wieder diesen Leistungsverhalten hervor. Das nervt!

Gab es negative Erfahrungen?

Ja, kurz nachdem ich erfahren habe, dass ich schwanger bin, hatte ich einen Termin mit dem Direktor des Museums, in dem meine erste institutionelle Einzelausstellung stattfinden sollte. Das war eigentlich schon in trockenen Tüchern. Als es darum ging, den Termin festzulegen – er wollte den zuvor angedachten Termin nach vorne verlegen –, habe ich erwähnt, dass ich schwanger bin, weil der neue Eröffnungstermin kurz nach dem errechneten Entbindungstermin lag. Letzten Endes fand die Ausstellung nie statt, warum genau, ist mit bis heute nicht klar. Gab es Probleme mit dem Budget oder lag es an der Schwangerschaft? Das hat mich sehr getroffen, und auch aus dieser Erfahrung heraus sind die „Ada vs.“-Arbeiten entstanden.

Und im Arbeitsalltag?

Es ist natürlich anstrengender als vorher, man muss sich gut organisieren, sich ein Netzwerk aufbauen an Menschen, die einem gegebenenfalls helfen. Als ich die „Ada vs.“- Arbeiten gemacht habe, war sie ungefähr acht Monate alt. Ich war zu diesem Zeitpunkt vollkommen erschöpft, aber ich habe es mit Hilfe unterstützender Menschen trotzdem geschafft, diese Arbeiten zu realisieren. Das war ein wahnsinniger Aufwand, und die Arbeit mit dem Medium Film war für mich komplett neu. Aber ich bin es ja gewohnt, mich auf neue Techniken einzulassen, das mache ich eigentlich in jeder Arbeit. Ich habe durch Ada gelernt, meine Kräfte besser einzuteilen und meine Grenzen deutlich zu machen. Für mich ist diese neue Art zu arbeiten die bessere, gesündere Weise.

Hat die Erfahrung, Mutter zu sein sich sonst irgendwie auf Ihre künstlerische Praxis ausgewirkt?

Eigentlich nur, wenn es um die Materialien geht. Ich will nicht mit toxischen oder schädlichen Materialien arbeiten, denn mir ist es wichtig, dass Ada jederzeit zu mir ins Atelier kommen kann, um hier zu malen. Ich arbeite jetzt hauptsächlich mit nachhaltigen Materialien. In der nächsten Arbeit, in der es um den „Gender-Data Gap“ gehen wird, verwende ich beispielsweise Keramik und Textilien, mitunter auch sehr feminin konnotierte Materialien.
 
In der christlich-abendländischen Kunstgeschichte hat die Mutterfigur, die eineMutter, schon immer eine Rolle gespielt. Sie wurde als die hingebungsvolle, aufopferungsvolle, unbefleckte Heilige dargestellt. Diese Mutterdarstellungen hatten nichts mit der Realität der Mütter zu tun. Ab dem frühen 20. Jahrhundert kommen differenziertere Bilder hinzu. Egon Schiele, Otto Dix, Max Beckmann, Werner Berg und noch viele weitere zeigen Mütterdarstellungen, die eher im Leben verankert sind. Gleichzeitig widmen sich in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts nur wenige Künstlerinnen dem Thema, zu nennen sind Paula Modersohn-Becker und Hannah Höch, 1908 setzte Charlotte Berend-Corinth in „Die schwere Stunde“ die Qualen der Geburt ins Bild, Käthe Kollwitz und Lea Grundig widmen sich in eindrücklichen Arbeiten vor allen den sehr dunklen Seiten des Mutterseins. Richtigen Aufwind bekommt diese Thematik allerdings erst in den 70er-Jahren.

Ich kann mir vorstellen, dass es noch viel mehr Künstlerinnen gab, die sich damit auseinandergesetzt haben, nur wurden diese vom Kanon übergangen und vergessen. Aber ja, die Darstellung der Mutter rückte Anfang des 20. Jahrhunderts die verklärten Mutterbildnisse etwas zurecht. Wenn man sich zum Beispiel Arthur Brusenbauchs Gemälde „Klagende Mutter mit Kind“ (1919) anschaut; das hat nicht mehr viel zu tun mit der immer glücklichen, aufgeräumten Maria lactans.

Welche künstlerischen Positionen, die sich mit Mutterschaft auseinandersetzen, interessieren Sie?

Courtney Kessels Performance „In Balance with“ (2011), bei der sie versucht, mit ihrer Tochter Chloe auf einer Wippe ins Gleichgewicht zu kommen, finde ich unglaublich stark. Sie setzt den Balanceakt des Mutterseins perfekt in Szene. Auch die Arbeiten von Louise Bourgeois finde ich beeindruckend. Sie behandelt das Thema Mutterschaft und Frauenkörper ganz anders als irgendjemand vor ihr, denn es gelingt ihr, es nachvollziehbar zu machen, wie es sich für sie anfühlt, Frau zu sein und wie sie Mutterschaft wahrnimmt. Das Motiv der riesigen Spinne zum Beispiel ist nicht unbedingt ein positives Bild, aber doch ein sehr eindringliches. 

Gibt es noch andere Beispiele?

Genial finde ich auch Rineke Dijkstras Serie der Frauen, die gerade entbunden haben. Aus den Bildern spricht die Verletzlichkeit gleichermaßen wie ihre Stärke und die Verbundenheit zu ihren Kindern. Außerdem zeigen die Fotografien, wie ein Körper aussieht, nachdem er ein Baby ausgetragen und auf die Welt gebracht hat.Und natürlich Katharina Bosse. Sie ist für mich aktuell eine starke und sehr sichtbar Position im deutschen Diskurs zur Vereinbarkeit von Mutterschaft und Künstlerinsein. Ihre Arbeit finde ich auf großartige Weise provokativ. Sie nimmt sich den Raum und geht eine innige Beziehung mit ihrem Kind ein, dabei inszeniert sie sich auf eine neue Art und Weise, wie man es bisher noch nicht von Müttern/Künstlerinnen kannte. Für mich stellt sie viele Ideale in Frage und bildet ein alternatives Mutter-Kind-Bild ab. Außerdem zeigt sie, dass man Kinder ganz wunderbar in die eigene künstlerische Praxis einbeziehen kann.

Kunst ist der „Ort“, an dem Normen und Strukturen hinterfragt und durchbrochen werden, an dem die kritische Auseinandersetzung mit dem Status quo stattfindet. Sie dringt in alle Bereiche menschlicher Existenz vor. Doch dieser eine, vielseitige, wichtige Bereich – das Muttersein – wurde lange weitestgehend ausgeklammert. Das ist doch widersprüchlich.  
    
Ja, ich finde, diese Doppelmoral ist grundsätzlich ein Problem in der Kunstwelt, das betrifft nicht nur das Thema Mutterschaft. Viele Institutionen schreiben sich sozialkritische Themen auf die Fahnen, geben sich innovativ, feministisch, anti-kolonialistisch. Aber wenn man hinter die Kulissen schaut, wie diese Institutionen arbeiten und wie die Hierarchien dort funktionieren, sieht man, dass sie extrem exklusiv, elitär und ausschließend operieren. In der Kunstwelt ist vieles prekär und menschenunfreundlich. Mutterschaft ist nur einer von vielen Bereichen, in denen es hakt.

Die Ungerechtigkeit hinsichtlich der Gendergerechtigkeit in der Kunstwelt wird auch in der zusammen mit Carmen Donet García entstandenen Arbeit „Bruised Egos and Small Heads“ (2015) thematisiert. In dem Video sieht man, wie zwei Kinder ein Puppentheater aufführen. Die Figuren bestehen aus ausgeschnittenen Gesichtern, die auf Holzspießen befestigt sind. Wir sehen die Köpfe berühmter Künstler:innen, die 2015 vom „Art-Review“-Magazin als die 100 einflussreichsten Personen in der Kunstwelt benannt wurden.

Die Kinder meiner Kollegin haben sich die Stäbchen einfach geschnappt und angefangen damit zu spielen. Sie haben durchgezählt, wie viele Männer es gibt und wie viele Frauen. Nichts an dem Video ist gescripted. Sie haben das Ungleichgewicht der Geschlechter sofort bemerkt und mit ihren drei bis fünf Jahren auch ziemlich klar benannt: „Das ist einfach doof, dass die Männer gewonnen haben!“

Beitragsbild: Hannah Cooke „Ada vs. Abramovic“ (Video, 2018), Foto: Courtesy Hannah Cooke

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