1971 eröffnete am Berkeley Art Museum die erste Ausstellung der jungen Künstlerin Lynn Hershman Leeson – nur um kurz darauf wieder geschlossen zu werden. Grund war die ausgestellte Arbeit „Self Portrait as Another Person“ (1966–68), ein Wachsabguss ihres eigenen Gesichts, ausgestattet mit einer Perücke und einem Lautsprecher, auf dem eine Aufnahme der Künstlerin zu hören ist, die durch die Betrachtenden aktiviert wird. Die interaktive Installation wirft Fragen der Identitätskonstruktion auf, kritisiert das Konzept der durch Geschlecht und Herkunft festgelegten, unveränderlichen Identität – doch die Museumsleitung befand, dass der Einsatz von Sound keine Kunst sei und folglich nicht ins Museum gehöre.

Heute gilt Hershman Leeson als einflussreiche Pionierin der Medienkunst, deren Werke weltweit in Ausstellungen gezeigt werden und sich in namhaften Sammlungen befinden. Unter anderem in jener des ZKM | Zentrum für Kunst und Medien Karlsruhe, deren 30-jähriges Bestehen nun mit einer umfangreichen, großartigen Sammlungspräsentation gefeiert wird. Aus den insgesamt 9500 Werken der Sammlung wurden rund 500 Exponate unterschiedlichster Medien ausgewählt, die den Wandel der Kunst im 20. Jahrhundert auf sehr abwechslungsvolle Weise nachvollziehbar machen.
Und in gewisser Weise verdeutlicht die Anekdote, die den Anfang von Leesons Karriere markiert, auch das Ziel der Ausstellung „Writing the History of the Future“: Es soll verdeutlicht werden, wie grundlegend Apparate das Verhältnis zum Kunstwerk in Hinblick auf Produktion und Rezeption veränderten und wie KünstlerInnen mediale und soziale Praktiken vorwegnehmen, die erst später für die gesamte Gesellschaft selbstverständlich werden.

Hershman Leeson, deren erste Retrospektive in Deutschland 2014 am ZKM Karlsruhe zu sehen war, ist in der aktuellen Ausstellung unter anderem mit der Arbeit „Lorna“ (1979–82) vertreten. „Lorna“, eine der ersten, wenn nicht gar die erste interaktive Medieninstallation überhaupt, besteht aus einem Wohnzimmer-Setting, dem Zuhause einer agoraphobischen Frau namens Lorna, die auf dem Fernsehbildschirm erscheint. Mit Hilfe der Fernbedienung können die BesucherInnen den Fortgang der Geschichte Lornas bestimmen. Sie entscheiden, ob sie nach Los Angeles zieht, um dort ein neues Leben zu beginnen, ob sie sich selbst das Leben nimmt oder ihre Waffe gegen den Fernseher und damit gegen die Massenmedien richtet. Die Arbeit nimmt um Jahrzehnte vorweg, was uns heute beschäftigt: Die Auswirkungen der elektronischen Überwachungstechnologie auf das menschliche Leben und die mit den neuen Kommunikationsmedien einhergehende Vereinsamung.
Empfangen werden die BesucherInnen jedoch zunächst von einer Arbeit des Medienkünstlers und ZKM-Direktors Peter Weibel und Bernd Lintermann. Die computerbasierte Installation „YOU:R:CODE“ übersetzt den Körper der BesucherInnen zunehmend in Codes, so dass anstelle des anfänglichen Spiegelbildes am Ende nur noch ein menschenförmiger Strichcode erscheint.

Immer wieder werden die Grenzen zwischen Kunstwerk und Betrachter aufgehoben, wird man selbst Teil der gezeigten Werke, so beispielsweise in der Closed-Circuit-Videoinstalltion „Track/Trace“ (1972/2017) von Frank Gillette, auf dessen 15 Monitoren man sich selbst aus den unterschiedlichsten Perspektiven begegnet. Und Hershman Leeson lässt die Besucherin in „America’s Finest“ (1990-1994) durch die Zielvorrichtung eines M16 Gewehrs blicken, wo neben Video-Sequenzen von Kriegsszenen auch Aufnahmen der eigenen Person sichtbar werden.

Das Konzept des „offenen Kunstwerks“, das die RezipientInnen seit den 1960er Jahren zum Handeln auffordert, wird in „Writing the History of the Future“ allerorts erfahrbar. Immer wieder sieht man jemanden vor einem Werk wild gestikulieren, wie vor Peter Vogels Klangskulptur „Römischer Turm“ (1989), deren Lichtsensoren auf Schatten reagieren und so verschiedene Klangereignisse auslösen. Oder, Menschen streicheln Pflanzen, wie bei „Akousmaflore“ (2007) von Scenocosme, bei der die Berührung der Blätter Töne erzeugt. Und in der Installation „Interactive Plant Growing“ (1993) von Christa Sommerer und Laurent Mignonneau lässt das Anfassen der realen Pflanzen virtuelle Pflanzen auf dem Bildschirm wachsen.

Der Gang durch die Ausstellung wird zu einer begehbaren Kunstgeschichte des 20. Jahrhunderts jenseits von Malerei, Skulptur oder Grafik und konfrontiert uns mit medialen Phänomenen, die unser Leben heute auch jenseits der Kunst heute bestimmen. Sie macht Entwicklungsstufen sichtbar und Paradigmenwechsel erfahrbar. Gleichzeitig zeichnet die Ausstellung auch die Geschichte der eigenen Institution nach, die Transformation des Ortes von einer ehemaligen Munitionsfabrik, in der Zwangsarbeiter beschäftigt wurden (thematisiert wird dies in Graham Harwoods Installtion „Lungs: Slave Labour“, 2005), über das leerstehende Industriedenkmal bis hin zum „Mekka der Medienkünste“ (Peter Weibel).

Anfang 2019 listete die Kunstdatenbank „Art Facts“, die alljährlich eine „Top 100“ der wichtigsten Kunstinstitutionen der Welt listet, das ZKM auf Platz 4 nach dem Museum of Modern Art in New York, der Venedig Biennale und dem Centre Pompidou in Paris. Die Sammlungspräsentation macht diese Entscheidung für ihre BesucherInnen nachvollziehbar.

Öffnungszeiten bitte überprüfen.

Ausstellungsdauer: 23.02.2019 – 08.08.2021

ZKM | Zentrum für Kunst und Medien
Lichthof 8+9
Lorenzstraße 19
76135 Karlsruhe

Hier geht es zum Text auf art in Berlin.

ZKM Karlsruhe

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