Gaza-Biennale in Berlin: Verbindung mit einer zertrümmerten Welt

Text für Monopol Magazin (15.12.2025)

Jenseits öffentlicher Institutionen ist in Berlin gerade die Gaza-Biennale zu sehen. Sie bringt Werke von palästinensischen Künstlerinnen und Künstlern zusammen, die trotz Leid und Zerstörung weiter Kunst schaffen

Eine große schwarze MDF-Platte liegt in einem der Ausstellungsräume des selbstorganisierten Kunstvereins Flutgraben e.V. in Berlin auf dem Boden. Darauf zahlreiche Linien – lange, breite und kleinere, verästelte. Sie umreißen den rund 41 Kilometer langen und zwischen sechs und zwölf Kilometer breiten Gazastreifen sowie seine Straßen und Wege, wie sie vor dem Oktober 2023 existierten. Kleine Gebäude sind auf der Karte verteilt, Moscheen, größere Komplexe und zahlreiche Zelte, hier und da stehen einzelne Figuren, gelegentlich wurden mit arabischen Worten versehene Klebestreifen angebracht. Weiße Schnüre ziehen sich an einigen Stellen durch die „Landschaft“. 

Die Arbeit „Nazeh“ (2024-2025) der Künstlerin Hala Eid Alnaji ist Teil des sogenannten Berlin Pavillons der Gaza-Biennale, der noch bis zum 21. Dezember zu sehen ist. Realisiert wurde die Installation erstmals im November 2024: Hala Eid Alnaji lud aus Gaza nach Kairo geflohene Menschen ein, ihre Stationen und Routen der Vertreibung innerhalb des Gebiets auf der Karte nachzuzeichnen. In Berlin wurde „Nazeh“ um die Routen der hier lebenden Diaspora erweitert. 

In beiden Fällen sind es nicht geografische Koordinaten, die die Fluchtwege nachvollziehbar machen. Es sind die empfundene Angst und Erschöpfung, die Erinnerungen an Trennung und Kontrollen, die mit den einzelnen Orten verbunden sind, aber auch Erinnerungen an glücklichere Tage und geliebte Menschen: An das Haus, in dem jemand aufwuchs, an die Moschee aus der Kindheit, an das Krankenhaus, in dem die Mutter einer aus Gaza geflohenen Person tagtäglich arbeitet, trotz der Bomben, trotz der israelischen Angriffe auf die Gesundheitseinrichtungen. 

Die Glücklichen, die sich diese Wörter nicht merken müssen

Heute, im Dezember 2025 und während einer brüchigen Waffenruhe in Gaza, sind diese Straßen und Gebäude weitestgehend zerstört; die Grenzen des Gebiets wurden von Israel neu gesetzt. In der Installation „Nazeh“ finden die Erinnerungen der vertriebenen Menschen einen Raum, in dem sie sich verbinden und weiter existieren können. 

Ergänzt wird das Werk durch das „Nazeh Lexicon“ – Postkarten, auf denen Alnaji Begriffe und Ausdrücke sammelt, die den Alltag der Menschen in Gaza während der wiederholten Vertreibungen prägten. So beschreibt beispielsweise das Wort „Tahzeeri“ eine Rakete „mit geringerer Zerstörungskraft, die von einer israelischen Drohne auf Wohngebäude abgefeuert wird, um die Bewohner zur Evakuierung aufzurufen, bevor das Gebäude vollständig zerstört wird“, wie auf der Karte zu lesen ist. „Tekia“ bezieht sich auf Orte, an denen Essen zubereitet und verteilt wird. 

Diese Begriffe werden viele der Besuchenden der Gaza-Biennale schnell wieder vergessen, weil sie nicht Teil ihres Alltags sind. „Nazeh“ ist eine berührende Arbeit, gleichzeitig bleibt sie für die meisten weitestgehend abstrakt – MDF, Linien, Figuren, Schnur, fremde Begriffe. Was diese einzelnen Elemente für die Menschen bedeuten, deren Erlebnisse und Erinnerungen sie wiedergeben, bleibt denen verborgen, die glücklich genug sind, sie nicht zu teilen.„Unser Museum hat keine Mauern, sodass sie nicht zerstört werden können“

Vielleicht macht gerade jene Gleichzeitigkeit das Werk zum Symbol dieser Ausstellung, auf der Werke von rund 30 Künstlerinnen und Künstlern aus Gaza zu sehen sind. Sie berühren, wühlen auf, machen wütend und traurig – und doch ist da immer diese Distanz, die die Besuchenden, die Glücklichen, von den Urheberinnen und Urhebern der Werke trennt: Das Privileg, die Erfahrungen, von denen die Werke berichten, nicht erlebt haben zu müssen; das Glück, sie nicht vollständig verstehen zu können. 

Die Exponate, das ist überall zu spüren, sind Strategien, das Erfahrene zu verarbeiten, Wege, sich mit einer Welt zu verbinden, von der sie abgeschnitten werden. Es sind Widerstandsakte, mit denen die Kunstschaffenden der Entmenschlichung und der Vernichtung entgegentreten. Auf den Krieg, den eine unabhängige Untersuchungskommission des UN-Menschenrechtsrats als genozidal bezeichnet hat, antworten sie mit Erzählungen von palästinensischer Identität, ihrer reichen Kultur und ihrem Widerstandsgeist. „Trotz aller Hindernisse und Herausforderungen schaffen wir weiter und geben nicht auf“, heißt es im Manifest der Gaza-Biennale, die bereits an 18 Orten weltweit zu sehen war, darunter in London, Kopenhagen, Dublin, New York, Athen, Istanbul und Sarajevo. 

Initiiert wurde sie von Künstlerinnen und Künstlern aus Gaza und dem Al Risan Art Museum in der West Bank (auch Forbidden Museum genannt), dessen Gründung ebenfalls ein Akt des Widerstands sein sollte. „Das Museum wurde in einem Gebiet errichtet, das als Militärzone bezeichnet wird und als solche israelischem Militärrecht unterliegt. Diese sogenannte Zone C umfasst über 60 Prozent des Westjordanlandes (Palästinas). Mitten im Herzen Palästinas, unter Bäumen, hoch über dem Himmel und tief in jahrtausendealten Höhlen, liegt das Museum. Es entstand aus der Ablehnung der Teilung des Landes, der Kolonisierung, der Besatzung, des Rassismus, der ethnischen Säuberungen, der Vertreibung und des Völkermords, unter denen die Palästinenserinnen und Palästinenser seit vielen, vielen Jahren leiden“, schreibt ein Mitglied des organisatorischen Kollektivs in einem schriftlich per Mail geführten Interview mit Monopol. „Unser Museum hat keine Mauern, sodass sie nicht zerstört werden können.“

Eine Botschaft an die Kunstwelt

Die Biennale in Berlin soll die Stimmen der Künstlerinnen und Künstler aus Gaza in die Welt bringen. Und sie versteht sich als Botschaft an die Kunstwelt, „die sich so verhält, als könne alles so weitergehen wie bisher“, wie es in dem Interview heißt.

Um das Weiter-so zu stören, hatten die Organisatoren einen internationalen Aufruf an Kunstinstitutionen und Kuratorinnen gestartet, auf den auch Antworten aus Berlin folgten. Es formierte sich ein Kollektiv zur Planung des hiesigen Pavillons der Biennale, der schließlich an mehreren Orten der Stadt realisiert werden konnte: Neben dem Flutgraben werden der Projektraum Agit, der Buchladen Khan Aljanub und das Museum called Baby bespielt, an weiteren Orte wie der Spore Initiative oder dem Casino Cafe for Social Medicine findet ein Rahmenprogramm statt. 

Dass ausschließlich unabhängige Locations auftauchen, ist für die Initiative kein Zufall: „Im aktuellen, von Zensur und der Kriminalisierung palästinensischer Stimmen – auch in den Künsten – geprägten politischen Klima Deutschlands erschien es weder sinnvoll noch lohnenswert, sich an etablierte oder öffentlich finanzierte Institutionen zu wenden. Denn sie sind externem Druck ausgesetzt“, schreibt das Berliner Organisationskollektiv.

Die meisten Werke konnten Gaza nicht verlassen

Um die Ausstellung finanzieren zu können, gab es im September im Zuge der Berlin Art Week eine Spendenaktion, zu der über 400 Künstlerinnen und Künstler mehr als 1100 Werke spendeten, die allesamt verkauft wurden. Der Erlös ging laut der Organisatoren zum größten Teil an die Künstlerinnen und Künstler in Gaza; die Biennale selbst wird demnach hauptsächlich über ehrenamtliche Arbeit und Sachspenden ermöglicht. Zahlreiche Institutionen und Galerien stellten kostenloses Material und technische Ausrüstung zur Verfügung, schreibt das Team. „Das ist zur wichtigsten Ressource des Projekts geworden: das mobilisierende, gemeinschaftliche Engagement, das all die Menschen zusammenbringt, die dazu beitragen, dass die Gaza-Biennale stattfinden kann.“ 

Die meisten der Werke konnten Gaza nicht verlassen und wurden in Berlin reproduziert, zum Teil durch künstlerische Berliner „Vertreterinnen“. So beispielsweise die beiden Tonfiguren „Life“ und „Embrace“ (die Originale entstanden 2024) von Yasmeen Al Daya oder die Skulptur „Memory of Place“, mit der Ameera Al-Hamayda über die Beständigkeit der Erinnerung und die Zerbrechlichkeit der materiellen Welt reflektiert. Die Skulptur wurde während eines Angriffs auf das Vertriebenenlager, in dem sich ihr Zelt befand, im Juli 2025 zerstört.     

Eines der wenigen Werke, die aus Gaza herausgeschmuggelt werden konnten, ist die Serie „Diary of a Man Without Hope“ (2024-2025) von Ahmed Muhanna. Die Zeichnungen kamen durch das World Food Program nach Berlin. Wie die meisten der Kunstschaffenden in Gaza verwendet Muhanna für seine Kunst, was er finden kann: verkohltes Holz, Kaffeesatz, Buchseiten, Pappe von Hilfsgüterkisten.

Die Werke reichen eine Hand

„Die Kunstwerke halten das Leben in Gaza seit Beginn der anhaltenden Zerstörungskampagne durch die israelische Armee fest“, heißt es im Begleittext. Wir sehen eine Zeichnung, aus deren schwarzen Strichen sich ein Mensch herausschält, der ein großes Bündel auf den Schultern trägt. Sein Blick richtet sich auf ein Kind, das daneben steht. Eine andere Zeichnung zeigt einen singenden Mann mit einem Oud, einem Lauteninstrument. Selbst ein Zeugnis der Resilienz, hält das Blatt einen weiteren Moment des Widerstands fest: das Spielen traditioneller Musik. 

Auch das Skizzenbuch von Suhail Salem, das in einer Videoarbeit zu sehen ist, hat es nach Berlin geschafft. Darin beschreibt der Künstler, welch wichtige Rolle die künstlerische Tätigkeit für ihn spielt, und auch, wie schwer es ihm gefallen ist, sich von seiner Kunst zu verabschieden. Nicht nur hier wird deutlich, welche Bedeutung das Kunstschaffen hat, sondern auch welche Kraft daraus geschöpft werden kann. Und diese Verbindung ist – bei aller Distanz – auch in Berlin zu spüren.

„Gaza Biennale – Berlin Pavillion“, Flutgraben, Khan Aljanub, AGIT, MBC und andere Orte, Berlin, bis 21. Dezember

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