Die Welt, die nicht für Frauen gemacht ist – Valie Export in Baden-Baden

Text für Monopol-Magazin (12.3.2021)

Auf dem Weg durch die Baden-Badener Innenstadt zur Staatlichen Kunsthalle fallen große, mit Kreide auf die Straße gemalte Venussymbole auf. Überreste des Weltfrauentages, die leider nur bis zum nächsten Regen halten werden.

Die Ausstellung „Valie Export. Fragmente einer Berührung“ ist die ideale Begleiterin für  Frauenkampftage das ganze Jahr über. Eröffnet wurde die Einzelpräsentation bereits Ende Oktober 2020, im Jahr des 80. Geburtstags der österreichischen Medienkunst-Pionierin. Doch kurz nach der Eröffnung kam der zweite Lockdown. Nun ist sie wieder für die Öffentlichkeit zugänglich – und verdeutlicht die anhaltende Brisanz der Werke Valie Exports mit voller Wucht. Denn mit Blick auf den geschlechterpolitischen Backlash, der durch die Pandemie noch verstärkt wird, kommt die Ausstellung mitnichten so harmlos daher, wie der Titel vermuten lässt. Vielmehr liest sie sich wie ein scharfer Kommentar auf den Status Quo der Gleichberechtigung.

In unserer Social-Distancing-Gegenwart, in der selbst ein Händedruck zu viel des Guten ist, trifft der Titel freilich den Nerv der Zeit. Dabei entstanden sowohl das Konzept für die Einzelpräsentation als auch der Titel bereits einige Zeit vor der Pandemie. Die Schau zeigt Werke aus rund sechs Jahrzehnten und verdeutlicht, wie sich das Moment der Bewegung durch Valie Exports Œuvre zieht, sei es auf körperlicher oder metaphorischer Ebene. Dabei sind unter den von Hendrik Bündge und Luisa Heese zusammengestellten Werken einige Arbeiten, die bisher selten oder noch gar nicht gezeigt wurden.

Kunst als „körperloser Beischlaf“

Empfangen wird die Besucherin von der raumgreifenden Installation „Fragmente der Bilder einer Berührung“ (1994), deren Titel von Roland Barthes „Fragmente einer Sprache der Liebe“ entlehnt ist. In unterschiedlichen Rhythmen bewegen sich 18 an Traversen hängende Glühbirnen auf und ab, tauchen ein in 18 mit Altöl, Milchersatz oder Wasser gefüllte Glaszylinder, um kurz darauf wieder nach oben zu gleiten. (Die Zahl 18 bezieht sich auf die Anzahl der Einzelbilder, die bei einem Super 8-Filmbild vonnöten sind, um dem Auge eine nahtlose Bewegung vorzugeben.)

Als „körperloser Beischlaf“ wird der maschinelle Prozess im Begleitheft bezeichnet, und diese sexuelle Konnotation geht einher mit vielen kurzen Schreckmomenten, die das Zusammentreffen der unvereinbaren Komponenten begleiten. Doch keine der Birnen zerspringt, stattdessen bricht sich das Licht in den mit Milchersatz oder Wasser gefüllten Gläsern, wirft Reflexionen auf den Boden und erlischt, wenn es im Altöl verschwindet. Berührung, (sexuelle) Vereinigung ist hier die eines ungleichen Paares, die das Potenzial von Zerstörung birgt und gleichzeitig Schönes hervorbringen kann.

Das Stichwort Berührung ruft im Zusammenhang mit Exports Werk natürlich unmittelbar das „Tapp und Tastkino“ in Erinnerung, bei dem sich die Künstlerin in Wien in einem Art Umhängekino von Passanten an die Brust fassen ließ. Die Performance, 1968 erstmals aufgeführt und heute längst eine Ikone feministischer Kunst, wird in Form eines dokumentierenden Kurzfilms gezeigt und reiht sich ein in die Präsentation ihrer umfassenden Beschäftigung mit dem erweiterten Begriff des Filmischen, dem „Expanded Cinema“.

Radikale Auseinandersetzung mit dem Medium Film

Vier zwischen 1977 und 1986 entstandene Spielfilme sowie fünf Kurzfilme veranschaulichen ihre experimentelle und oft radikale Auseinandersetzung mit dem Medium Film. Dabei immer vorhanden: die Infragestellung gesellschaftlich vorgeschriebener Verhaltensmuster und Rollenverteilungen, die häufig nicht einmal vor der Unversehrtheit des eigenen Körpers haltmacht: In „Hyperbulie“ (1973) betritt die nackte Künstlerin einen schmalen Korridor aus Drähten, durch die elektrischer Strom fließt. Anfangs scheint der Kontakt gewollt, in zögerlichen Bewegungen nähert sich ihr Gesicht den Drähten. Je weiter sie sich durch den Gang zwängt, desto anstrengender, schmerzhafter wird das Fortkommen. Doch sie hält die Stromschläge aus, nimmt die Schmerzen in Kauf, das Ziel immer im Blick.

Die Arbeit lässt sich als Verweis auf ihre eigene Biografie und den immer wieder erfolgten Ausbruch aus repressiven Strukturen interpretieren: Als eines von drei Kindern einer Kriegswitwe (der Vater, ein überzeugter Nationalsozialist, fällt 1942) wächst Waltraud Lehner in Linz auf, im Nachkriegs-Österreich, das sie in einem Interview als von Angst geprägt umschreibt. Sie besucht eine Klosterschule – das hier vorherrschende, enge Regelkorsett wird schließlich zum Ausgangspunkt ihrer Widerspenstigkeit gegen Normen, die nicht ihre sind und die sie nicht akzeptieren will.

Sie heiratet mit 18 Jahren, bekommt ein Kind, lässt sich nach einem Jahr Ehe scheiden. Ihr bloßes Dasein als geschiedene, alleinerziehende Mutter ist eine Provokation, eine im gesellschaftlichen Gefüge unvorhergesehene Existenz. Doch Waltraud Lehner hat nicht vor, den leichten Weg zu wählen. Sie geht 1960 nach Wien, um Textildesign zu studieren, das eigene Kind bleibt bei der Schwester. In Wien beginnt sie bald, künstlerisch zu arbeiten, sie begegnet der männerdominierten Kunstwelt, trifft auf die Wiener Gruppe und die Wiener Aktionisten – erneut bewegt sie sich in einem Raum, in dem sie, ihre Präsenz als Künstlerin, nicht vorgesehen ist.

Ein Name, nicht kleinzukriegen

Entgegen aller Widrigkeiten und Widerstände – die ihr im Österreich dieser Zeit zuhauf begegnen – schafft sie sich ihren eigenen Raum, ihre eigene Rolle, ihre eigenen Zuschreibungen. 1967 kreiert sie sich einen selbst geschaffenen Namen, der weder auf den Namen ihres Vaters noch auf den ihres Exmannes zurückführt. Ab diesem Zeitpunkt ist sie „VALIE EXPORT“, in Versalien geschrieben, nicht kleinzukriegen. Die Rolle der Frau im patriarchal-kapitalistischen System, die Herausbildung der weiblichen Identität sowie Repräsentationsformen und soziale Machtstrukturen sind fortan wesentliche Bestandteile ihrer vielseitigen künstlerischen Praxis.

Besonders deutlich wird dies beispielsweise in der Arbeit „Body Sign Action“ (1970). Auf drei großformatigen Schwarz-Weiß-Fotografien ist der nackte Unterleib der Künstlerin zu sehen, das linke Bein schmückt ein tätowiertes Strumpfband, das ein Stück Haut nach oben zu ziehen scheint. Valie Export ließ sich das Tattoo 1970 in einer öffentlichen Aktion stechen und markierte so ihren Körper auf dauerhafte Weise mit einem aufgeladenen Symbol. In ihren eigenen Worten: „In der Tätowierung erscheint das Strumpfband als Zeichen einer vergangenen Versklavung, Kleidung als Verdrängung der Sexualität, das Strumpfband als Attribut einer von uns nicht selbstbestimmten Weiblichkeit.“

Um die Einbettung des weiblichen Körpers in bestehende Machtstrukturen geht es auch in den Schwarz-Weiß-Fotografien der Serie „Körperkonfigurationen“ (1972–1976). Vor ausgewählten Institutionen der Stadt Wien biegt sich ihr Körper um Säulen, passt sich in Ecken ein, legt sich auf Treppen und schreibt sich so in eine von Männern gemachte Stadt ein, deren Architektur das Abbild patriarchaler Machtstrukturen ist. Weitere Bilder dieser Werkgruppe (1976–1982) entstanden in der Umgebung einer Autobahn, inmitten einer Architektur, die selten mit dem menschlichen, geschweige denn mit dem weiblichen Körper in Verbindung gebracht wird. Diese späteren Fotografien sind in der Ausstellung erstmals ausgestellt.

Es geht um das Ertragen-Müssen

Das hier thematisierte Spannungsverhältnis zwischen dem weiblichen Körper und dem patriarchal bestimmten urbanen Raum besteht heute noch, mehr als 40 Jahre später. Überall begegnen uns Beispiele der kapitalistischen Ausbeutung des Frauenkörpers und überall trifft man, pardon frau, auf Bereiche, die aufgrund bestehender Machtverhältnisse besser zu meiden sind: Grünanlagen bei Nacht, unbelebte Straßenzüge, Parkhäuser und in Zeiten der Pandemie immer häufiger: das eigene Heim.

Auch die Thematik der Installation „Nadel“ (1996/97) ist unter dem Brennglas Pandemie hoch aktuell. Drei riesige Nadeln bewegen sich unter ohrenbetäubendem Lärm auf und ab. Es fällt schwer, das Geräusch länger als ein paar Minuten zu ertragen. Dabei geht es genau darum, um das Ertragen-Müssen repetitiver, ermüdender, zuweilen als stumpf empfundener Arbeit. Gemeint ist hiermit vor allem die sogenannte Sorgearbeit, die – es ist dieser Tage viel davon zu lesen – das Funktionieren unserer Gesellschaft garantiert und die hauptsächlich von Frauen ausgeführt wird, zumeist unentgeltlich oder unterbezahlt. Hoch und runter rattern die Nadeln der Installation, immer und immer wieder, wie die beharrlichen Versuche unzähliger Menschen, aus einengenden sozialen Grenzen auszubrechen.

Es ist noch eine ordentliche Wegstrecke bis zur Gleichstellung und zuweilen müssen sogar bereits zurückgelegte Abschnitte erneut in Angriff genommen werden. Aber es muss weiter gehen, nicht rückwärts, sondern nach vorne. Valie Export gibt mit „Body Sign Action“ den Marschton vor: „Der weibliche Körper streift ab, wirft weg den Stempel einer Welt, die bis jetzt nicht die Welt der Frau war, um zu einer menschlichen Welt zu kommen, in der sie ihre weibliche Existenz selbst bestimmen kann.“

„Valie Export. Fragmente einer Berührung“, Kunsthalle Baden-Baden, bis 5. April

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