„Niemand hier scheint hinter den Spielen zu stehen“ – Ein Gespräch mit dem Fotografen Wataru Murakami

Text für Monopol-Magazin (24.7.2021)

Wataru Murakami hält mit der Kamera fest, wie sich Tokio durch Olympia verändert hat. Hier spricht er über die Ablehnung vieler Einheimischer gegen die Corona-Spiele und eine Metropole, die immer im Werden ist

Wataru Murakami, hochaufragende Baukräne, Absperrungen in allen möglichen Formen und Farben, Erde und Schutt, die von Baggern abgetragen werden – Ihre Fotografien der Serie „In Search of Colors“ aus Tokio zeichnen das Bild einer sich im Wandel befindenden Stadt. Wie kam es zu dem Projekt?

Ausgangspunkt war der Wunsch, den Charakter einer Metropole fotografisch einzufangen. Ich setze mich in meiner Arbeit generell viel mit unterschiedlichen Lebenswelten auseinander, wobei mich insbesondere Details und Anordnungen innerhalb des Alltäglichen interessieren, die leicht übersehen werden. Anhand solcher Momente wollte ich mich dem Besonderen einer Stadt annähern. Tokio finde ich spannend, weil die Stadt andauernd im Werden ist, sie ändert ihren Charakter permanent. Mein Ziel ist es, den augenblicklichen Zustand visuell einzufangen. Die hier stattfindenden Olympischen und Paralympischen Spiele sind in diesem Zusammenhang natürlich von Bedeutung, aber auch die Tatsache, dass hier schon seit Jahrzehnten ein massives Stadtentwicklungsprojekt am Laufen ist, das dazu beiträgt, dass die Stadt sich stark verändert.

Können Sie den Titel etwas genauer erläutern?

Zum einen ist das Prinzip des Suchens eigentlich schon immer ein wichtiges Element meiner Arbeit. Zum anderen beinhaltet der japanische Begriff für „Charakter“, 特色 Toku-shoku, das Wort Farbe.

Wie haben Sie die Orte ausgewählt, an denen Sie für „In Search of Colors“ fotografierten?

Für gewöhnlich begegne ich meinen Motiven eher zufällig, aber bei diesem Projekt war es etwas anders. Ich habe vorab recherchiert, welche Orte interessant sein könnten. Beispielsweise wollte ich wissen, was im Stadtteil Shibuya passiert. Hier fanden während der ersten Olympiade, die Tokio 1964 austrug, die meisten Wettkämpfe statt. Schon damals erfuhr dieses Viertel starke städtebauliche Veränderungen, die nun für die aktuellen Spiele nochmals erweitert und erneuert wurden. Zum Beispiel hier, wo sich in dem Bild „Sakuragaoka-cho, Shibuya“ die riesige Baustelle befindet, waren vor ein paar Jahren noch Wohnhäuser und Läden aus den 1960er-Jahren.

Sie waren bereits 2019 in Tokio um für „In Search of Colors“ zu fotografieren und haben damals verschiedene Personen interviewt: einen Rapper, eine Kuratorin, einen Architekturhistoriker und einen Kunstkritiker. Welche Rolle spielen die Interviews im Verhältnis zu den Aufnahmen, in denen der Mensch eher selten auftritt – und wenn, dann als winziges Detail inmitten der von ihm geschaffenen Architekturen?

Sie ergänzen meine Perspektive auf die Stadt, repräsentieren in gewisser Weise eine Innensicht – ich habe zwar einige Jahre hier gelebt, aber natürlich kenne ich mich nicht so gut aus wie jemand, der permanent hier ist. Mir war es wichtig, auch von anderen Menschen zu hören, wie sie die Stadt und die stattfindenden Veränderungen wahrnehmen. Aber wir haben nicht nur über die Stadt gesprochen, sondern auch über meine hier entstandenen Fotografien. Ich bin meistens allein mit meinen Bildern, darum habe ich den Austausch über die Aufnahmen sehr genossen.

Was ist die Meinung der Interviewten zur aktuellen Lage ihrer Stadt?

Darth Reider, ein Rapper, der sehr viel in der Tokioter Kulturszene unterwegs ist, konnte sofort etwas mit dem Projekttitel anfangen. Seiner Meinung nach hat die Stadt ihre Farbe, also ihren Charakter in den vergangenen Jahren verloren. Statt einer Identität herrscht hier nur Chaos, findet er.

Und mit Blick auf Olympia? Wie schätzen Ihre Gesprächspartner die Tatsache ein, dass Tokio Austragungsort ist?

Konsens war eher eine kritische Haltung den Spielen gegenüber. Niemand der Befragten schien hinter dem Vorhaben zu stehen, die Spiele hier auszuführen. Der Kunstkritiker Profesoor Michio Hayashi sprach unter anderem die derzeit schwierige Lage der Rede- und Meinungsfreiheit in Japan an. Seiner Ansicht nach hat sich die Idee des „Respekts vor der Vielfalt“ in der gegenwärtigen japanischen Gesellschaft gewandelt. „Vielfalt“ beinhalte nicht mehr die Möglichkeit unterschiedlicher Werte, sondern sei zu einer Art Gruppenzwang verkümmert, „der auf einen Ausdruck mit dem größten gemeinsamen Nenner abzielt, der von allen akzeptiert werden kann, um ein vielfältiges Publikum nicht zu beleidigen“, wie Michio Hayashi sagt. Mit Blick auf Olympia werde Tokio aber mit der wirklichen Bedeutung von Vielfalt konfrontiert werden, so sein Ausblick auf die Auswirkungen des Events auf die Stadt. Was allerdings durchaus als positiv bewertet wurde, war beispielsweise der dringend notwendige Ausbau der Verkehrsinfrastruktur.

Tokio befindet sich derzeit zum Zeitpunkt unseres Gespräches kurz vor der Eröffnung der Spiele noch im Corona-Notstand: Die Menschen sind dazu angehalten, zu Hause zu bleiben, Restaurants müssen um 20 Uhr schließen. In den Austragungsstätten der Hauptstadt und dreier Nachbar-Präfekturen sind keine Zuschauer erlaubt. Bei Wettkämpfen, die an anderen Orten, beispielsweise in Rifu oder Fukushima stattfinden, sind inländische Zuschauer erlaubt. Wie bewerten Sie diese Entscheidung?

Ich finde die Entscheidung richtig. Dass es nun Geisterspiele werden, macht diese Olympiade in gewisser Weise zu etwas Besonderem. 2019 habe ich bei einigen Events des „Test-Runs“ fotografiert, hier gab es auch kaum Zuschauer. Vor Ort spürt man den Unterschied schon, finde ich. Es gibt irgendwie weniger Spannung. Daher kann ich mir vorstellen, dass es für die Sportlerinnen und Sportler schon einen Unterschied machen wird.

Sie haben 2019 mit dem Projekt begonnen. Damals lag die bald aufkommende Pandemie noch in undenkbarer Zukunft; aber schon zu diesem Zeitpunkt gab es Proteste und Widerstand gegen das Austragen der Spiele. 2011 fand die sogenannte Dreifachkatastrophe statt: Erdbeben, Tsunami und Reaktorunfall führten zu Explosionen im Kernkraftwerk von Fukushima. Die Kritik der Olympiagegner richtet sich zum einen gegen den Zeitpunkt – sie halten es für unverantwortlich, Olympische Spiele zu Zeiten eines nuklearen Notstands auszuführen. Zum anderen befürchten sie, dass Gelder, die für den Wiederaufbau der zerstörten Regionen benötigt werden, nun für die Olympische Spiele draufgehen. Und natürlich spielen bei den Protesten auch Themen wie Gentrifizierung und Privatisierung des öffentlichen Raumes eine wichtige Rolle. Beiinflusst der zivile Widerstand gegen die Spiele auch Ihr Projekt?

Ich bin mir des Protests gegen und der Kritik an den Spielen natürlich bewusst, aber mir ist es für meine Arbeit wichtig, keine aktivistische Position einzunehmen. Ich möchte mir einen neutralen Blick auf die Dinge erhalten. Meine Bilder sind kein Argument für oder gegen etwas.

Innerhalb Tokios verteilen sich die Austragungsstätten auf die „Heritage Zone“ und die „Tokyo Bay Zone“. Worin unterscheiden sich diese beiden Gegenden?

Die „Heritage Zone“ umfasst das Gebiet, in dem die Olympischen Spiele 1964 hauptsächlich stattfanden. Hier befinden sich beispielsweise das Yoyogi National Stadium, die heute noch sehr wichtige Shibuya Station und die Stadtautobahn, die damals gebaut wurde, um der zahlreichen nach Tokio kommenden Olympia-Besucher gerecht zu werden. Die Austragungsstätten, die sich hier befinden, transportieren in gewisser Weise das Vermächtnis von Tokio 1964.

Möchte man an den Glanz der Spiele von 1964 anknüpfen?

Ich kann mir schon vorstellen, dass man heute noch auf die Errungenschaften von damals stolz ist. Innerhalb von nur ein paar Jahren wurde nicht nur die Autobahn gebaut, sondern auch der Shinkansen-Schnellzug und die Tōkyō Monorail, eine Einschienenbahnstrecke. Aber man darf auch nicht vergessen, dass viele Menschen, die damals an den städtebaulichen Erneuerungen beteiligt waren, nach Fertigstellung arbeitslos waren. Das wurde zu einem großen Problem. Außerdem hatte man zwar ein hochmodernes Stadion und neue Straßen und so weiter, aber direkt daneben gab es noch viele Wohnhäuser, die aussahen als seien sie aus Streichholzschachteln gebaut worden.

Und wie kann man sich die „Tokyo Bay Zone“ vorstellen?

Sie symbolisiert die aufregende Zukunft Tokios. Hier wurde sehr viel gebaut im Zuge der Vorbereitungen auf die Spiele. Das bedeutet, dass sich das Gesicht dieses Viertels stark änderte. Die Ariake Area bildet die Schnittstelle dieser beiden Zonen – würde man das auf einer Karte visualisieren, entstünde eine Art Unendlichkeitszeichen. Das Konzept der Verteilung der Spielstätten innerhalb der Stadt stand ursprünglich unter dem Motto „Infinite Excitement“: Das Vermächtnis von 1964 sollte sich vermengen mit der vielversprechenden Zukunft. Aber entgegen diesem Konzept finden nun auch Wettkämpfe außerhalb Tokios statt. Die Fotografie „Athlete’s Village“ zeigt die Gebäude des in der Tokyo Bay Zone neu entstandenen Olympischen Dorfes. Es befindet sich exakt an der Schnittstelle der beiden Gegenden.

Was wird nach den Spielen aus dem Olympischen Dorf?

Das werden Wohnungen. Ich glaube hauptsächlich Eigentumswohnungen, vermutlich eher hochpreisig …

Wie nehmen Sie aktuell die Stimmung in der Stadt hinsichtlich der Olympischen Spiele wahr?

Ich befinde mich ja in den letzten Zügen meiner Quarantäne, in die ich mich nach meiner Einreise begeben musste. Ich kann also nicht sehr viel dazu sagen, was die aktuelle Stimmung in der Stadt angeht. Aber innerhalb meines Bekanntenkreises scheint mir das Interesse an den Spielen sehr gering zu sein. Sie sind eigentlich kein Thema.

Gar nicht?

Es ist im Moment unglaublich heiß in Tokio. Ich finde es unverantwortlich, dass die Sportlerinnen und Sportler unter diesen Konditionen, also in dieser Hitze, Hochleistung bringen müssen. Die Spiele von 1964 fanden im Oktober statt, nicht in der heißesten Jahreszeit … Und dann sind da noch die Skandale um Kentaro Kobayashi, den Kreativdirektor der Eröffnungsfeier und Keigo Oyamada, den Komponisten der Eröffnungsfeier: Es tauchte ein Video auf, in dem Kobayashi 1998 einen Witz über den Holocaust riss. Und es wurde ein Interview mit Oyamada publik, in dem er davon erzählte, wie er in der Schulzeit Kinder mit Behinderung mobbte. Beide wurden entlassen, das Eröffnungsprogramm wurde komplett überprüft.

Wie geht es für Ihr Projekt in den kommenden Tagen weiter? Was planen Sie?

Ich möchte die Orte erneut aufsuchen, an denen ich schon 2019 fotografiert habe und nachsehen, was sich dort verändert hat. Und ich werde mir noch einmal anschauen, wie sich die Baumaßnahmen in Shibuya auf das Viertel ausgewirkt haben. Außerdem hoffe ich, dass es mir gelingen wird, einige der der Wettkämpfe zu fotografieren.

Beitragsbild: Wataru Murakami, A view from the route 10 of the Shuto Expressway (Harumi Route), 2019

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