Marisol im Kunsthaus Zürich: Komm, wir spielen Mensch

Text für Monopol Magazin, 27.5.2026

Kindliche Freude und formale Raffinesse: Das Kunsthaus Zürich widmet der lange vergessenen venezolanisch-US-amerikanischen Künstlerin Marisol eine Retrospektive

Freude ist das erste, was die Skulpturen der Künstlerin Marisol (1930–2016) auslösen. Irgendwie rühren ihre Figuren an ein im Erwachsenenalltag oft verschüttetes Zentrum kindlichen Vergnügens. Man tritt sofort in eine Beziehung zu ihnen und wie das Kind, das für seine Spielzeugfreunde ganze Epen erfindet, will man diese Wesen in Geschichten verwickeln: die drei Frauen und das Mädchen in „La Visita“ (1964), die grimmige dreinblickende Tochter neben der aufgesetzt fröhlich grinsenden Mutter in „Mi Mama y Yo“ (1968), die sonderbare Chimäre „The Fishman“ (1973).

Man kann die Ausstellung „Marisol“ im Kunsthaus Zürich durchaus auf dieser spielerischen Ebene genießen. Doch da ist noch eine weitere – vielschichtige formale – Ebene, die Marisols Skulpturen auszeichnet: Das Zusammenspiel von Abstraktion und Figuration, die integrierten Alltagsgegenstände, die die abstrakten Elemente zusätzlich aufbrechen, die Verschränkung von Zeichnung, Malerei und Skulptur und die Verweise auf die Künstlerin selbst: Immer wieder tauchen Abgüsse ihres Gesichts oder ihrer Hände auf. Und dann sind da noch der Witz, der sich in jeder einzelnen Skulptur anders äußert und die Ambiguität, die an vielen Stellen durchschimmert. Manche Werke lassen sich mit Blick auf die Biografie der Künstlerin deuten, andere nicht. Ein Rest Geheimnis bleibt sowohl den einen als auch den anderen erhalten. Das alles zusammen macht die Retrospektive der venezolanisch-US-amerikanischen Künstlerin im Kunsthaus Zürich zu einem besonderen Erlebnis.

Marisol, bürgerlich María Sol Escobar, wurde in Paris geboren, mit ihrer wohlhabenden Familie reiste sie viel und lebte ab 1935 abwechselnd in Venezuela und in den USA. Ihre künstlerische Karriere begann in New York, wohin Marisol 1950 nach einem abgebrochenen Kunststudium in Paris zog. 1957 war sie unter den ersten Positionen, die Leo Castelli in seiner frisch eröffneten Galerie präsentierte, weitere Ausstellungen im Kreise der Pop Artists und der Vertreterinnen und Vertreter des Nouveau Réalisme folgten, sie spielte in zwei Filmen von Andy Warhol mit und nahm 1961 und 1963 an Gruppenausstellungen im Museum of Modern Art teil. Dann, 1968, ihr „europäisches Jahr“: Sie vertrat Venezuela bei der 34. Biennale von Venedig, war neben Jo Baer, Louise Nevelson und Bridget Riley eine von nur vier Frauen auf der 4. documenta in Kassel und erhielt eine Einzelausstellung im Museum Boijmans Van Beuningen in Rotterdam. Danach verschwand sie für beinahe sechs Jahrzehnte vom Radar der europäischen Kunstwelt. 


Zwischen Pop Art und Nouveau Réalisme

Die vom Kunsthaus Zürich, dem Louisiana Museum of Modern Art, dem Museum Boijmans Van Beuningen und dem Museum der Moderne Salzburg ausgerichtete Retrospektive gibt nun einen Überblick über ihr Schaffen und Leben. Die Ausstellung veranschaulicht, dass sich ihr Werk zwar zwischen US-amerikanischer Pop Art und europäischem Nouveau Réalisme verorten lässt, jedoch nicht final in einer dieser Strömungen aufgeht: Marisol verankerte ihre künstlerisches Praxis in der Alltagskultur, bediente sich ihrer Objekte, Ereignisse und Personen – unter anderem porträtierte sie wiederholt Berühmtheiten aus Kunst und Politik –, allerdings bleiben ihre Werke sowohl der distanzierten Coolness der einen als auch der zuweilen rotzigen Rebellion der anderen fern. 
 

In ihren Werken thematisiert sie die Rolle der Frau in der westlichen Gesellschaft sowie soziale Ungleichheiten und ökologische Fragestellungen. Gelegentlich sind ihre Arbeiten in der eigenen Biografie verankert, wie im Fall von „Mi Mama y Yo“, einem Porträt ihrer selbst als Kind und der Mutter, die sich das Leben nahm, als Marisol 11 Jahre alt war. Auf diesen Bruch reagierte das Kind mit jahrelangem Schweigen.

Hinter dem ersten, oftmals spaßigen Moment verbergen sich immer wieder komplexere Themen, so beispielsweise auch in „The Car“ (1964). Marisol platziert hier Schwarze und weiße Menschen in einem schicken Auto, das der weißen Mittelschicht der 1960er-Jahre als Symbol der Freiheit diente, während Schwarze vielerorts nach wie vor unter der gesetzlich festgeschriebenen Diskriminierung litten. Entstanden im selben Jahr, in dem Martin Luther King den Friedensnobelpreis verliehen bekam, lässt sich „The Car“ als Ausdruck des Wunschs nach einem gerechten Miteinander der Menschen deuten. Dass die Künstlerin hier ihr eigenes Gesicht als das einer Schwarzen Person darstellt, lässt sich zunächst als Form der Solidarisierung mit der Schwarzen Community verstehen, muss mit heutigen Augen jedoch kritisch betrachtet werden.

Das Subjekt als ongoing project

1968 zog sie sich für einige Monate aus der Kunstwelt zurück: Enttäuscht von dem brutalen Vorgehen der Polizei gegen die Vietnamkrieg-Demonstrationen in den USA, reiste sie einige Monate durch Indien, Nepal, Kambodscha, Sri Lanka und Thailand. 1969 absolvierte sie eine Tauchausbildung auf Tahiti; die Begegnung mit der Unterwasserwelt verarbeitete sie in eigensinnigen Skulpturen: Hornfische und Barrakudas mit dem Gesicht der Künstlerin, ein Mensch mit Fischkopf und zur Faust geballter Marisol-Hand. Die Arbeiten sind lustig-rührende Kommentare auf die Verbindung zwischen Mensch und Tier, zwischen unserem Leben und dem Leben im Ozean.  

So steif und unbeweglich ihre Figuren daherkommen, scheinen sie doch immer auch die Option zur Veränderung in sich zu tragen. Indem Marisol ihre Figuren anhand unterschiedlicher Materialien und Elemente zusammenbaut, haftet ihnen etwas Dynamisches an. Das Subjekt erscheint in ihren Skulpturen als etwas Fragmentarisches, als vorläufiges Ergebnis verschiedener Möglichkeiten, als ongoing project – hier eine andere Hand, dort ein neuer Kopf. Man könnte sagen, dass Marisol der Identität der Moderne ein Bild schafft: Identität als Konstruktionsaufgabe des Menschen. 

All das findet gleichzeitig in dieser Ausstellung statt: die kindliche Freude, das Kichern, das Nachdenken und Infragestellen, das Herstellen von Bezügen und dann eben doch wieder – die kindliche Freude. 

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