JOHANNA JAEGER // checkerboard sky // SCHWARZ CONTEMPORARY // 16.3. – 28.4.2018

Zeit – vergehende, stillstehende, vergangene – und die in ihr stattfindende
Bewegung lassen sich als die gedanklichen Ausgangspunkte der in checkerboard sky präsentierten Arbeiten ausmachen. Die Einzelausstellung gibt Einblick in Johanna Jaegers kontinuierliche Reflexion über Fotografie, die auch mit einer permanenten Grenzverschiebung in Richtung anderer Medien wie Installation, Skulptur und Video verbunden ist.
Die im Eingangsbereich gezeigte Arbeit sidewalk fossil basiert auf einer in New York aufgenommenen Fotografie eines zufällig im Gehweg verewigten Blattes, neben welchem das frische Blatt als Stellvertreter einer zweiten, aktuelleren Zeit anmutet. Um die Verschränkung von Vergangenheit und Gegenwart zu betonen, wurde je eines der Blätter mithilfe von Schablonen länger belichtet und hervorgehoben. Die Künstlerin experimentiert, manipuliert und transformiert ihr Arbeitsmaterial – sei es eine Fotografie oder ein Gegenstand, wie beispielsweise in der Installation anti-gravity pebble (top to bottom). Der Kieselstein, durch Verdichtung entstanden und durch lang andauernde, sich wiederholende Bewegungen geformt, wird von der Künstlerin zerteilt und so im Raum installiert, dass die beiden Hälften den Anfangs- und den Endpunkt eines möglichen Falls fixieren. Johanna Jaegers Ausstellungen zeichnen sich oft durch ein Bespielen des Raumes aus, ein Inszenieren, das über das einfache Präsentieren der Werke hinausgeht. Mittels ihrer Arbeiten, aber auch anhand vorgenommener Eingriffe in den Raum wird die Wahrnehmung der jeweiligen Umgebung herausgefordert. So ist auf der Rückseite der Installation die Fotografie monument for a second (splash) zu sehen, die den Moment eines ins Wasser fallenden Steins festhält. In welcher Beziehung stehen die beiden Arbeiten? Werden sie durch die Wand getrennt oder verbunden? Wurde die Bewegung des Steines hier ein zweites Mal eingefangen und angehalten?
Den Gegenpol zu diesen beiden Arbeiten bildet das Video unstill (20 minutes), das die Dauer einer vergehenden Bewegung misst: Schwarze Tinte sinkt ins Wasser und bildet grafische, sich konstant verändernde Formen, die sich langsam im Wasser auflösen, bis das Gemisch schließlich nahezu stillsteht. Man glaubt, auf eine Fotografie oder eine Zeichnung zu blicken – nur bei genauem Hinsehen lassen sich zaghafte Veränderungen ausmachen. Die Künstlerin lässt das Material der von ihr konstruierten Anordnung nach dem Prinzip des geplanten Zufalls ‚performen’. Die Serie developing horizon zeigt die verschiedenen Stufen der Entwicklung eines Polaroidbildes. Die sich verändernde Farbigkeit ergibt sich durch die fortschreitende Fotoemulsion, die nach und nach das aufgenommene Objekt, den Horizont, erkenntlich macht. Nicht der Horizont selbst, sondern die Entwicklungszeit, der Ablauf der analogen Bildentstehung wird zum Gegenstand der einzelnen Bilder, die auf Aluminium aufgezogen wurden. Der konzeptuelle Kern verbindet sich hier mühelos mit der für Johanna Jaeger typischen Bildsprache, die stets präzise, jedoch nie kühl ist. Dabei stehen Titel und Arbeit hier in ihren Werken zueinander wie Bezeichnendes und Bezeichnetes, sie sind ein eng verflochtenes Paar. Auch in melting time schlägt der Titel Brücken zwischen der abstrakten Idee und der Ausführung. Die Fotografien der Serie muten wie Tuschezeichnungen an, das erste und das letzte Bild scheinen auf den ersten Blick nichts miteinander gemein zu haben und doch sind sie verbunden. Verschwinden und Erscheinen greifen ineinander, das Material bahnt sich innerhalb der von der Künstlerin konstruierten Rahmenbedingungen seinen Weg, die Arbeit gibt ihren Versuchsaufbau preis und büßt dennoch nichts ein.
Auch in studio sky (checkerboard clouds) verschränkt sich Gegensätzliches. Der Wolkenhimmel, immer in Bewegung und von sich unendlich verändernden Formationen geprägt, wird mit dem geometrischen Prinzip des Schachbretts zusammengeführt. Einmal als Negativ und einmal als Positiv übereinandergelegt und in Schwarzweiß gehalten wird das Motiv zu einem abstrakten Bild, in dessen linker oberer Ecke die Realität eintritt. Das Spiel mit Gegensätzen – ein häufig wiederkehrendes Element in Johanna Jaegers künstlerischer Praxis – taucht auch in permanent liquid_1 und permanent liquid_2 auf. Als Untergrund dienten zwei von der Künstlerin analog fotografierte Steinplatten. Die Motive liegen unter einem mit Wasser gefüllten Glasbehälter, in dem sich langsam Tinte ausbreitet. In den Arbeiten überlagern sich das Muster der Steine – Ergebnis einer vor langer Zeit erstarrten Materialbewegung – mit dem sich aktuell in Bewegung befindlichen Muster der verfließenden Tinte. Im Moment des Fotografierens wird auch diese Bewegung als Bild festgehalten.

1803 Schwarz Contemporary41647 photo©def_image
checkerboard sky, Ausstellungsansicht ©def_image
1803 Schwarz Contemporary41809 photo©def_image
anti-gravity pebble (top to bottom), 2018 ©def_image
1803 Schwarz Contemporary41786 photo©def_image
sidewalk fossil, 2018 ©def_image
1803 Schwarz Contemporary41828 photo©def_image
monument for a second (splash) ©def_image
1803 Schwarz Contemporary41702 photo©def_image
checkerboard sky, Ausstellungsansicht ©def_image
1803 Schwarz Contemporary41668 photo©def_image
checkerboard sky, Ausstellungsansicht ©def_image
1803 Schwarz Contemporary41680 photo©def_image
studio sky (checkerboard clouds), 2018 ©def_image
1803 Schwarz Contemporary41712 photo©def_image
permanent liquid_1 und permanent liquid_2, beide 2018 ©def_image
1803 Schwarz Contemporary41734 photo©def_image
melting time, 2018 ©def_image

Schwarz Contemporary
Johanna Jaeger

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