Annabel Daou in der Galerie Tanja Wagner

Über Fragen und Antworten die Gegenwart verstehen

Die libanesisch-amerikanische Künstlerin Annabel Daou gewährt in der Galerie Tanja Wagner einen Einblick in die Gedankenwelt ihrer Heimatstadt Beirut.

In einem Archäologischen Museum sind es für gewöhnlich die Erklärungen und Erläuterungen der Spezialistinnen und Spezialisten, durch die die ausgestellten Objekte zugänglich gemacht und eingeordnet werden. Übersichtlich aufbereitete Zahlen und Fakten zeichnen die Exponate als Fragmente einer längst vergangenen Zeit aus, als Puzzleteile einer vermeintlich universellen Geschichte.

Genau diese lässt die Künstlerin Annabel Daou in ihrer Arbeit „Chou Hayda“ („Was ist das?“) in den Hintergrund treten. Die 2017 für das National Museum Beirut konzipierte Soundinstallation ist nun in Form einer Videoarbeit in der Galerie Tanja Wagner zu sehen.

„Auf welcher Seite stehst Du?“

 „Chou Hayda“ ist ein Austausch zwischen den BewohnerInnen Beiruts und den Exponaten des Nationalmuseums. Es ist ein Audio-Guide der besonderen Art, denn wer mit ihm durch die Ausstellung geht, bekommt keine Tatsachen über die ausgestellten Gegenstände zu hören, sondern subjektive Äußerungen.

Für die Arbeit lud die in Beirut geborene und heute in New York lebende Künstlerin Annabel Daou Menschen unterschiedlichen Alters und unterschiedlicher sozialer Herkunft aus allen Gegenden Beiruts dazu ein, mit ihr das National Museum Beirut zu besuchen. Während des Rundgangs stellte sie Fragen zu einzelnen Objekten und nahm die Antworten der Teilnehmenden auf. Dabei zielten die Fragen nicht auf historische Fakten oder auf ein abrufbares Wissen, sondern eröffneten Raum für Spekulationen, Assoziationen und Fantasie. Vor einem Säbel stehend wollte sie wissen „Hast du jemals jemanden getötet?“, und vor einer Sammlung alter Schlüssel fragte sie „Welche Tür würdest Du öffnen?“. Ihre Fragen berührten hierbei nicht nur das Gesehene, sondern auch universelle Themen: „Sagst Du die Wahrheit? Hast Du Angst? Auf welcher Seite stehst Du? Was ist das Schwierigste, das Du jemals gesehen hast?“.

Mit Blick auf die Geschichte der Stadt und des Landes bekommen diese Fragen eine Bedeutung, die weit über die Interpretation eines historischen Artefakts hinausgeht. Beirut war im Zuge des von 1975 bis 1990 dauernden Bürgerkriegs zeitweise in einen muslimischen Westen und einen christlichen Osten geteilt. Das Nationalmuseum, im Zentrum der Stadt und somit in der Frontlinie des Krieges gelegen, wurde in dieser Zeit stark beschädigt – frühzeitige Maßnahmen verhinderten jedoch, dass die wertvolle Sammlung zerstört wurde. 2006 standen sich Hisbollah und Israel in einem einmonatigen Krieg gegenüber, in dem zahlreiche Zivilisten starben. Auch heute wird die politische Landschaft von den zwei konkurrierenden Lagern des sunnitischen Bündnis „14. März“ und der schiitischen Hisbollah bestimmt, deren Spaltung sich in Folge des Syrienkonflikts noch verschärfte.

Die Fragen und Antworten der Soundarbeit umspielen so indirekt auch die Geschichte und das alltägliche Leben in Beirut, die Artefakte werden in einen aktuellen sozialen, politischen und persönlichen Kontext gestellt. In ihren spontanen Äußerungen schlüpften die Teilnehmenden in die Rolle des Objekts, wandten sich an den Gegenstand wie an einen Gesprächspartner oder bezogen ihn in ihre Überlegungen ein. So entstand ein sprachliches Mosaik, eine widersprüchliche und dennoch glaubhafte, eine ausgedachte und dennoch wahre Geschichte aus vielen einzelnen Episoden.

Die Soundinstallation verschafft im National Museum Beirut den individuellen Stimmen Gehör in einer Zeit, in der diese unterdrückt werden, so die Künstlerin in dem Trailer zu ihrem Projekt. Für die in der Galerie Tanja Wagner gezeigte Videoarbeit ergänzte die Künstlerin die aufgenommenen Kommentare mit Aufnahmen der jeweiligen Objekte und mit englischen Untertiteln. Auf eindrückliche Weise vermittelt die Arbeit so einen Einblick in die Gegenwart und in die Gedankenwelt der Menschen in Beirut.

Wieder zur Sprache finden

Die Interaktion mit Fremden und die Auseinandersetzung mit Sprache und Kultur ist fester Bestandteil der Arbeitsweise der libanesisch-amerikanischen Künstlerin. Daou setzt sich in ihren Performances, Sound- und Papierarbeiten mit der Möglichkeit von Kommunikation und miscommunication auseinander, sie interessiert sich für das Missverständnis, das gleichzeitig immer auch die Möglichkeit für Verständnis beinhaltet.

Ebenfalls Teil der Ausstellung „if you only knew“ in der Galerie Tanja Wagner ist eine Serie von Mosaiken. Sie entstanden im Anschluss an die im Museum geführten Gespräche und reflektieren die hier gesammelten Erfahrungen. Auf den ersten Blick scheinen die an den Wänden hängenden Mosaike tatsächlich aus kleinen Steinchen zusammengesetzt zu sein. Erst bei näherem Betrachten wird ihre wirkliche Materialität deutlich: Sie bestehen aus Papier, Graphit und Gesso, einer weißen Farbmischung, die hier als Kleber fungiert. Anstelle eines erkennbaren Musters sind den Mosaiken offene Fragen eingeschrieben, die wiederum Raum für individuelle Assoziationen und Antworten lassen. Auffordernd richten sich die Papierarbeiten an ihre Rezipienten: „WHAT DO YOU WANT NEED TO KNOW“ „WHO CONTROLS THE PAST WHO CONTROLS THE PRESENT“ „WHAT DOES THIS SAY ABOUT US“. Der Ausstellungsort, der Raum zwischen den einzelnen Arbeiten verdichtet sich so zu einem Interaktionsfeld zwischen Werk und Besucherin, es entsteht eine Art Ping-Pong-Spiel zwischen den Fragen und den individuellen, im Stillen gegebenen Antworten.

Gleichzeitig steht ihre Materialität im Gegensatz zum ersten Eindruck den die Mosaike vermitteln. Sie sind nicht eingelassen in den Boden, nicht aus widerstandsfähigem Stein – sondern vergänglich, empfindlich. Sie verweisen auf die Unbeständigkeit der uns umgebenden Welt, auf die Unsicherheit aber auch auf die den Wandel und die Möglichkeit eines Neubeginns.

Am Anfang der Beschäftigung mit Sprache stand für Annabel Daou ein Moment der Sprachlosigkeit. Als die USA, wo sie seit 1999 lebt, 2003 in den Irakkrieg eintraten, empfand Daou diesen Moment als „unlogischen Wahnsinn“, der allem Gesagten die Bedeutung entzog. „Sprache wurde vorsätzlich zweckentfremdet“, sagt sie in einem Interview mit Rafael Soldi für das Strange Fire Collective. Als Reaktion auf die empfundene Fassungslosigkeit machte die Künstlerin, die zu dieser Zeit noch als Malerin arbeitete, tabula rasa mit ihrer eigenen künstlerischen Praxis. Sie stellte ihre letzten Gemälde her, warf sie in den Müll und sah sich einem vollständig leeren Atelier gegenüber. In dieser Leere war nun Platz, wieder zu Worten zu finden, verschiedene Formen der Kommunikation zu entdecken. Das Suchen und vor allem das Finden halten seither an.

Annabel Daou, „if you only knew“, 23.11.2018 – 26.01.2019, Galerie Tanja Wagner

Galerie Tanja Wagner

Annabel Daou

Chou Hayda

 

 

 

 

 

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