Käthe-Kollwitz-Preis 2019: Hito Steyerl in der Akademie der Künste Berlin

Hito Steyerl (*1966 in München), Medienkünstlerin und Professorin für Experimentalfilm und Video an der Universität der Künste Berlin, erhielt am 20. Februar den Käthe-Kollwitz-Preis der Akademie der Künste Berlin. Hito Steyerl gelinge es in besonderer Weise, „auf den Einfluss digitaler Informationen und digitalen Lebens zu reagieren und auf gegenwärtige politische, gesellschaftliche und soziale Prozesse aufmerksam zu machen“, so die Juror*innen und Akademie-Mitglieder Douglas Gordon, Katharina Grosse und Ulrike Lorenz. In ihrem vielfältigen Werk, das neben essayistischen Dokumentarfilmen und Multimedia-Installationen auch Texte und Performances umfasst, beschäftigt sich die Künstlerin u.a. mit postkolonialer Kritik, feministischer Repräsentationslogik und globalen Finanz-und Warenflüssen.

Für die Ausstellung in der Akademie der Künste am Pariser Platz stellte Steyerl Werke zusammen, die im Laufe der letzten zwei Dekaden in unmittelbarer Nähe zum aktuellen Ausstellungsort entstanden. Die Auswahl verdeutlicht nicht nur die Wandlung ihrer künstlerischen Sprache, sondern auch die Verschiebung ihres Fokus: Während die Arbeiten der 90er Jahre das wiedervereinigte Deutschland und die Problematik des Nationalismus in den Blick nehmen, konzentrieren sich die neueren Arbeiten auf die Beziehung zwischen Mensch und Maschine und die Verflechtungen der kapitalistischen Informationstechnologie.

Exemplarisch für diese aktuelle Themenstellung ist das Zwei-Kanal-Video Abstract (2012), das, direkt gegenüber dem Eingang installiert, die Ausstellung gewissermaßen eröffnet. Abstract wirft Fragen nach der „Verquickung von Krieg und Ökonomie, von moderner Technologie und ihrer Auswirkung auf das Filmische“ auf, so der Kunsthistoriker Florian Ebner in seinem Text für den begleitenden Katalog. Für die Arbeit besuchte die Künstlerin einen abgelegenen Ort im Osten der Türkei, wo Ende der 90er Jahre kurdische Freiheitskämpfer*innen exekutiert wurden, unter ihnen auch Steyerls Jugendfreundin Andrea Wolf. Den Bildern dieses Ortes stellt Steyerl in Manier der Filmtechnik „Schuss-Gegenschuss“ Aufnahmen vom Pariser Platz gegenüber. Hier, so erfährt man, befand sich die Berliner Vertretung des Waffenherstellers Lockheed Martin – dessen Waffen auch an eben jenem Kriegsschauplatz in Nordkurdistan eingesetzt wurden.
Durch das Nebeneinander der beiden Perspektiven entsteht eine Parallelität zwischen zwei weit voneinander entfernten Orten, zwischen den Gräueltaten des Krieges dort und den ökonomischen Interessen hier.

Von dieser Arbeit wird ein imaginärer Bogen gespannt zu dem im letzten Raum gezeigten 16mm-Film Leere Mitte (1998). Auch hier werden ungemütliche Parallelitäten aufgedeckt und Verstrickungen offengelegt.
Schauplatz des 62-minütigen Films ist die ehemalige Brache, die sich nach dem Mauerfall zwischen dem Reichstagsgebäude und dem Potsdamer Platz erstreckte. Leere Mitte macht deutlich, wie die physische Grenze in Form der Mauer durch zahlreiche unsichtbare Barrieren ersetzt wurde, die (noch heute) in den Köpfen der Menschen existieren und sie voneinander trennen. Gleichzeitig wird ersichtlich, dass diese Grenzen keinesfalls neu sind – Steyerl rekapituliert die weit zurückreichende Geschichte von Ausschluss und Diskriminierung, die an diesem Ort stattfanden und bis in die Gegenwart hineinwirken.
Der nicht gerade erheiternde Film endet mit einem Zitat des Philosophen und Soziologen Siegfried Kracauers: „Es gibt immer Löcher in der Wand, durch die wir entweichen können und das Unerwartbare sich einschleichen kann.“ Diesen Optimismus hat man nötig auf dem Weg zurück zum Aus- und Eingang der Ausstellung. Denn allzu leicht macht Steyerl es den Besuchenden nicht, sich den aufgezeigten weitreichenden Verstrickungen zu entwinden. Der Weg zum Ausgang führt ein zweites Mal vorbei an den Arbeiten Babenhausen (1997) und Normality 6 (1999), die Akte antisemitischer Gewalt im wiedervereinigten Deutschland zum Inhalt haben. Die Aufnahmen von in Brand gesteckten Häusern und Aufmärschen von Rechten unterscheiden sich kaum von aktuellen Bildern und machen deutlich, wie sehr das Heute im Netz des Gestern verstrickt ist.

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Hito Steyerl, Hell Yeah We Fuck Die, 2016
Drei-Kanal-HD-Videoinstallation, Environment, 4:35 Min.
Installationsansicht: „Käthe-Kollwitz-Preis 2019. Hito Steyerl“. Akademie der Künste, Berlin
© VG Bild-Kunst, Bonn 2019, Foto: Andreas FranzXaver Süß
Courtesy: the artist, Andrew Kreps Gallery, New York

In den Installationen Hell Yeah We Fuck Die (2016) und Robots Today (2016) beschäftigt Steyerl sich mit der Beziehung Mensch-Maschine und mit der Rolle neuer Computertechnologie in heutigen Kriegen. Die Aufnahmen zu Robots Today entstanden in Cizre, einer Stadt im Südosten der Türkei, die infolge heftiger Auseinandersetzungen zwischen dem türkischen Staat und der Arbeiterpartei Kurdistans PKK weitgehend zerstört wurde. Während des Gangs durch die Ruinen stellt die Künstlerin dem Software-Programm Siri wesentliche Fragen: „Siri, wer hat diese Stadt zerstört?“, „Siri, wer hat diese Häuser enteignet?“ Eine adäquate Antwort bleibt aus.

Der Käthe-Kollwitz-Preis wird seit 1960 verliehen und ist mit 12.000 Euro dotiert. Steyerl ist die 17. Künstlerin, die die Auszeichnung erhält. Preisträgerinnen der letzten zehn Jahre sind Adrian Piper (2018), Katharina Sieverding (2017), Corinne Wasmuth (2014), Janet Cardiff (2011), Mona Hatoum (2010) und Ulrike Grossarth (2009).

Hier geht es zum Text auf art in berlin.

Akademie der Künste Berlin

 

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