Ein Ausstellungsbesuch mit MIA im PalaisPopulaire

Eine Fotografie in der Ausstellung Time Present im PalaisPopulaire zeigt fünf junge Frauen in einem weißen Auto älteren Modells. Ihre lachenden, geschminkten Gesichter blicken zum Teil direkt durch das geöffnete Autofenster in die Kamera. Der Hintergrund ist schwarz, die Fotografie scheint bei Nacht gemacht worden zu sein und vermittelt den Eindruck einer spontanen Aufnahme.
Die iranische Fotografin Shirin Aliabadi (1973-2018) hielt diese Szene in den Straßen Teherans fest. Girls in Car 2 (2005) thematisiert das Auseinanderfallen von Klischeebildern und Realitäten iranischer Frauen und stellt gleichzeitig die Bereitschaft infrage, für den westlichen Lebensstil alles zu geben und sich innerhalb eines streng religiösen und autoritären Staates in Gefahr zu bringen.

Die Ausstellung Time Present präsentiert eine ganze Reihe an Arbeiten, die wie Aliabadis Girls in Car 2 Einblicke in unterschiedlichste Lebenswelten geben und überraschende Perspektiven aufzeigen. Time Present ist nach der Eröffnungsausstellung The World on Paper die zweite Sammlungspräsentation. Zu sehen ist eine vier Jahrzehnte umspannende Auswahl aus der mehr als 5000 Werke umfassenden Fotografie-Sammlung der Deutschen Bank. In vier Kapiteln wird der Frage nachgegangen, wie Künstler*innen sich in ihren Werken mit dem Thema Zeit auseinandersetzen. Ergebnis der Zusammenstellung ist ein facettenreiches, spannungsreiches Kontinuum, das die unterschiedlichsten Positionen vereint, ohne sie in einen zu starren Rahmen zu pressen. Das Spektrum reicht von der Düsseldorfer Schule bis zu Arbeiten, die die aktuelle globale Ausrichtung der Sammlung mit den Schwerpunkten China, Großbritannien, Italien, Japan und USA sowie afrikanischen Ländern widerspiegeln.

Bernd und Hilla Becher
Chatbot MIA mit IBM Watson (Quelle: IBM) in Aktion mit Ferial Nadja Karrasch

Das PalaisPopulaire präsentiert in der Ausstellung außerdem das neue Kunstvermittlungsprogramm MIA (Museum Intelligent Assistant), das erstmals in einer europäischen Kunstinstitution künstliche Intelligenz nutzt. Das lernende Computerprogramm basiert auf IBM Watson-Technologie und wurde in die bereits bestehende museumseigene App integriert.

Besucher*innen können sich diese App auf ihr Smartphone laden oder ein Gerät am Empfang ausleihen. Ziel von MIA ist es, die herkömmlichen Wege der Kunstvermittlung zu ergänzen und Antworten auf spezifische Fragen geben zu können. Neben Audiotouren für Erwachsene und Kinder bietet MIA die Möglichkeit, über neun ausgewählte Werke der Ausstellung mit einem Chatbot zu chatten. „Die Idee ist, dass man mit Kunstwerken gewissermaßen reden und auch jede x-beliebige Frage an das Kunstwerk stellen kann.“, so Dr. Wolfgang Hildesheim, der bei IBM für die Entwicklung von MIA mitverantwortlich ist (ArtMag-Interview mit Oliver Koerner von Gustorf).

 

Tokihiro Sato 2
Chatbot MIA mit IBM Watson (Quelle: IBM) in Aktion mit Ferial Nadja Karrasch

 

Jeder Chatverlauf dient dabei der Verbesserung des „Intelligent Assistant“: Je mehr die Besuchenden von MIA wissen wollen, desto mehr lernt MIA hinzu. Nicht nur über die Kunstwerke selbst soll der smarte Assistent Auskunft geben können, auch zu ihren politischen, geschichtlichen und kulturellen Hintergründen generiert er Antworten. Allerdings machen schon ein paar in diese Richtungen gestellten Fragen deutlich, dass MIA noch einiges hinzulernen muss, bevor die Anwendung ihrem Anspruch tatsächlich gerecht wird. Oft greift MIA auf sein Wissen über das jeweilige Kunstwerk zurück und lässt die eigentlich gestellte Frage unbeantwortet, oder er schlägt vor, stattdessen über etwas anderes zu sprechen. Der Frust über unbeantwortete Fragen lässt sich vielleicht mit der Tatsache wiedergutmachen, dass man mit MIA die erste Anwendung ihrer Art im Kunstkontext miterlebt. Spannend wäre es, Time Present in einiger Zeit erneut zu besuchen und die exakt gleichen Fragen wiederholt zu stellen.
Ein zweiter Besuch der Ausstellung lohnt sich allemal, mit oder ohne MIA.

Künstler*innen der Ausstellung:
Shirin Aliabadi, Kader Attia, Yto Barrada, Bernd und Hilla Becher, Zohra Bensemra, Mohamed Camara, Cao Fei, Susan Derges, Samuel Fosso, Andrea Galvani, Gauri Gill und Rajesh Vangad, Andreas Gursky, Siobhán Hapaska, Mathilde ter Heijne, Candida Höfer, Ottmar Hörl, Axel Hütte, Idris Khan, Martin Liebscher, Julio César Morales, Andreas Mühe, Roman Ondak, Adrian Paci, Sigmar Polke, Jo Ractliffe, Gerhard Richter, Anri Sala, Viviane Sassen, Gregor Schneider, Tokihiro Sato, Anett Stuth, Hiroshi Sugimoto, Amalia Ulman, Wim Wenders, Miwa Yanagi, Zhu Jia

Time Present
Photography from the Deutsche Bank Collection
10.6.2020 – 8.2.2021

PalaisPopulaire
Unter den Linden 5, 10117 Berlin, Germany
Tel. +49 (030) 202093-0

Abbildung: Detail aus Mathilde ter Heijnes Installation „Woman to Go“, seit 2005

Hier geht es zum Text auf art in Berlin.

PalaisPopulaire

 

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