Ein virtueller Blick in den Kosmos John Heartfields

Zur Online-Präsenz der Ausstellung in der Akademie der Künste Berlin

Der „Kosmos Heartfield“ beginnt mit dem kleinen Finger. Hier startet unter dem Menüpunkt „Der Weg zur Fotomontage“ die virtuelle Tour durch den Lebens- und Schaffensweg John Heartfields. Die vier weiteren Finger der zugreifenden Hand – ursprünglich Teil eines Wahlplakats, das Heartfield 1928 für die KPD gestaltete – unterteilen die Online-Präsentation der Ausstellung „John Heartfield – Fotografie plus Dynamit“.

Die Schau hatte eigentlich am 20. März in der Akademie der Künste am Pariser Platz öffnen sollen, bleibt nun aufgrund der Corona-Krise jedoch bis auf weiteres geschlossen. Stattdessen können sich Interessierte unter der www.johnheartfield.de durch den „Kosmos Heartfield“ klicken und scrollen. Texte, Fotografien, Werkbeispiele und Audiostücke vermitteln ein Bild der von Verfolgung und Exil geprägten Biografie des Künstlers und führen ein in sein umfassendes Werk, dessen Nachlass sich im Archiv der Akademie der Künste Berlin befindet. Das Konvolut wurde von 2017 bis 2019 im Zuge der Digitalisierung neu bearbeitet und ausgewertet, so dass in der daraufhin konzipierten Ausstellung zum Teil erstmals gezeigte Arbeiten, darunter Designentwürfe, Reiseskizzen, Fotos und Film-Dokumente zu sehen sind.
Während diese Exponate vorerst hinter verschlossenen Museumstüren bleiben, lohnt sich der Besuch der Online-Präsenz.

Beim kleinen Finger der Arbeiterhand beginnend, wird die Besucherin durch die verschiedenen Stationen seines Lebens und Schaffens geführt: 1891 in Schmargendorf bei Berlin geboren, erhält Hellmuth Franz Joseph Stolzenberg erst 1896 nach Heirat seiner Eltern den Nachnamen Herzfeld, den er einige Jahre später, 1916, aus Protest gegen die anti-englische Kriegspropaganda in John Heartfield ändert. 1913 beginnt er sein Studium an der Kunst- und Handwerkerschule Berlin-Charlottenburg – da hat er bereits eine angefangene Buchhändlerlehre, ein Studium an der Königlichen Kunstgewerbeschule München hinter sich und war als Werbegrafiker in Mannheim tätig. 1914 wird Heartfield zum Militärdienst eingezogen, den er schon ein Jahr später aufgrund einer angeblichen Nervenkrankheit beenden kann. Er vernichtet seine frühen Gemälde, vorwiegend Landschaftsbilder, und beginnt bald – kritisch und engagiert – unter neuem Namen mit seiner unermüdlichen Arbeit, den Krieg, soziale Ungerechtigkeit und vor allem den Nationalsozialismus anzuprangern.

Heartfield ist KPD-Mitglied der allerersten Stunde, er ist Teil der Berliner Dada-Gruppe und verantwortet zusammen mit George Grosz das künstlerische Profil des linksgerichteten Malik-Verlags. Seine messerscharfen Plakate für die KPD, seine Arbeiten für die Parteizeitung „Die Rote Fahne“ und die satirische Zeitschrift „Der Knüppel“ sowie nicht zuletzt seine Gestaltungen für die Veröffentlichungen des Malik-Verlags verfolgen eine klare politische Linie und führen dazu, dass 1933 die SA in Heartfields Wohnung einfällt. Ihm gelingt sprichwörtlich in letzter Minute die Flucht. Über das Riesengebirge gelangt Heartfield schließlich nach Prag. Hier arbeitet er für die Arbeiter-Illustrierte-Zeitung (AIZ); es entstehen radikale Zeitungscover, die kein Blatt vor den Mund nehmen. Einige der von ihm gestalteten Blätter werden im „Kosmos Heartfield“ genauer erläutert, etwa das Blatt vom 10. August 1933 auf welchem ein Zigarrerauchender Thyssen eine Hitler-Marionette in der Hand hält, darunter der Text „Werkzeug in Gottes Hand? Spielzeug in Thyssens Hand!“. Oder die auf einem Bajonett aufgespießte Friedenstaube, die Heartfield vor dem Gebäude des Völkerbundes platziert. „Der Sinn von Genf“ titelt die AIZ vom 27.11.1932 und kritisiert so das gewaltsame Niederkämpfen demonstrierender Arbeiter in Genf.

Der „Kosmos Heartfield“ kommt vor allem an solchen Stellen dem Erlebnis in einer tatsächlichen Ausstellung nahe: Dort, wo sich Plakate und Fotografien anklicken lassen um Genaueres zu erfahren, wo Bilder mit Tonspuren versehen sind; eben an jenen Stellen, wo sich etwas entdecken lässt. Ein virtueller Regler kann verschoben werden, so dass von Heartfield gestaltete Buchcover vor und nach der Zensur vergleichbar werden, es gibt eine animierte Tour durch sein Sommerhaus in Waldsieversdorf, sein im Londoner Exil (1938 flieht Heartfields vor den in die Tschechoslowakei einrückenden Deutschen nach London, wo er bis zu seiner Rückkehr nach Deutschland 1950 verweilt) entstandener „Refugee Song“ kann angehört werden, und es gibt nach Anklicken des Zeigefingers die Möglichkeit, einen Blick in seine Ausstellungen zu werfen.
An anderen Stellen fehlt ein wenig die Tiefe, etwa wenn es um den Namenswechsel geht, um die Berliner Dada-Zeit oder um das Entstehen der Fotomontage. Auch fehlen hier und da Bildunterschriften, an deren Stellen sind sie unvollständig, wodurch einige erzählerische Aspekte verloren gehen.

Alles in allem ermöglicht die Präsentation jedoch einen guten Einstieg in den Heartfield-Kosmos. Vertiefen lässt er sich durch den Online-Katalog „Heartfield Online“, der über www.heartfield.adk.de abrufbar ist. 6.200 Objekte, darunter Originalfotomontagen, Entwürfe für Buchumschläge und Plakate, Bühnenbilder, Kostümentwürfe und Materialsammlungen sind hier einsehbar. Es lassen sich Werke vergleichen und vergrößern, es können eigene Werksammlungen zusammengestellt und mit anderen geteilt werden. Nicht nur für wissenschaftlich Interessierte bietet dieser Online-Katalog eine hervorragende Quelle eingehender Werkstudien. Und wenn sich irgendwann Museums-, Bibliotheks- und Archivtüren wieder öffnen, lassen nicht nur in der Ausstellung die Originale betrachten: Die Originale der auf „Heartfield Online“ einsehbaren Digitalisate können im Studiensaal der Akademie der Künste bestellt werden.

Hier geht es zum Text auf art in Berlin.

 

 

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