Toxischer Liebesbrief an eine Göttin

Text für Monopol-Magazin (2.11.2021)

Das E-Werk Luckenwalde produziert grüne Energie – und gleichzeitig Kunst. Für das Projekt „Power Nights: Being Mothers“ hat sich das Haus dem „Slow Curating“ verschrieben und lässt eine Ausstellung ganz langsam wachsen

Allein das Gebäude, in dem sich das E-Werk befindet, ist die Reise nach Luckenwalde wert – wobei man sich ein ehemaliges Kohlekraftwerk wohl eher anders vorstellt. Die schnörkelige Jugendstil-Fassade ruft vielmehr Assoziationen an die Residenz eines wohlhabenden Fabrikanten hervor, als an einen Ort, wo Kohle verbrannt wurde, um elektrischen Strom zu erzeugen. Über der Eingangstür prangt ein Bleiglasfenster, das eine von Wolken umgebene Hand zeigt, aus deren geballter Faust neun Blitze ragen. Ein repräsentativ gestalteter Treppenaufgang führt ins Innere, wo sich in einem langen Korridor Tür an Tür reiht. Am Ende des Gangs befindet sich die 360 Quadratmeter große Turbinenhalle: Sie ist mit hellen Steinwänden, einer aufwendig gestalteten Kassettendecke und dekorativ gefliestem Boden ausgestattet und gibt den Blick in den heute blitzblanken Maschinenraum frei. 

Neben dem Gebäude des ehemaligen Kohlekraftwerks befindet sich ein stillgelegtes Schwimmbad des Bauhaus-Architekten Hans Hertlein, das spätestens mit der Aufführung der Oper-Performance „Sun & Sea“ der litauischen Künstlerinnen Rugilė Barzdžiukaitė, Vaiva Grainytė und Lina Lapelytė im Juli auf der Mindmap der Berliner Kunstpilgerinnen und -pilger erschien. 

Das E-Werk Luckenwalde ist die zukunftsfähige Neuauflage seiner eigenen Vergangenheit: In dem 1913 erbauten Kohlekraftwerk wurde jahrzehntelang der Strom für die Stadt Luckenwalde und die Umgebung erzeugt, dann kam die Wende mitsamt der damit verbundenen Umwälzungen und die Produktion wurde eingestellt. In der Folge stand die Anlage lange Zeit leer – bis 2017 der gemeinnützige Stromanbieter Performance Electrics gGmbH hier einzog. Performance Electrics-Gründer und Künstler Pablo Wendel transformierte in Zusammenarbeit mit Architekten, Ingenieuren und ehemaligen Mitarbeitern des Braunkohlekraftwerks die mechanische Infrastruktur von 1913, so dass hier nun seit 2019 CO2-neutrale Energie erzeugt wird, die bundesweit über das öffentliche Stromnetz bezogen werden kann. Und nicht nur das: Das E-Werk verbindet die Energiegewinnung mit der Produktion und dem Zeigen von Kunst. 

Umweltschutz, Reparatur und Ausdauer

Auf den über 10.000 Quadratmetern, die sich auf vier Etagen und eine große Außenfläche verteilen, befinden sich Ausstellungs- und Seminarräume, verschiedene Werkstätten sowie Ateliers. 2019, zeitgleich mit der (Wieder-)Aufnahme der Energiegewinnung, wurde die experimentelle und interdisziplinäre Kunst-Plattform „Power Night“ ins Leben gerufen. Koordiniert wurde die erste Ausgabe von den Kuratorinnen des Londoner Performance-Festivals Block Universe, Katharina Worf und Louise O’Kelly. Nach einer Corona-Pause luden nun Helen Turner, künstlerische Leiterin des E-Werks, Assistenzkuratorin Adriana Tranca und Katharina Worf, Leiterin der „Power Night“, Lucia Pietroiusti als Kuratorin für die diesjährige Ausgabe ein. Pietroiusti, die unter anderem den Litauischen Pavillon auf der 58. Biennale kuratierte – „Sun & Sea“ erhielt hier den Goldenen Löwen – und an der Serpentine Gallery das Langzeitprojekt „General Ecology“ gründete, entwickelte ein  Ausstellungsprogramm, das im Zeichen des sogenannten „Slow Curating“ steht. 

Über die Dauer mehrerer Monate versammelt „Power Night: Being Mothers“ nach und nach Installationen, Filmarbeiten, Performances sowie partizipatorische Angebote, die im April 2022 in einem Live-Event zusammenkommen werden. Dabei spielt der Programmtitel weniger auf menschliche Mutterschaft an als vielmehr auf die Beschäftigung mit Umweltschutz, Reparatur und Ausdauer in einem „mehr-als-menschlichen Kontext“, wie Pietroiusti es umschreibt. Den Prinzipien des „Slow Curating“ folgt das Programm insofern, als dass die präsentierten Positionen auf kollaborative Prozesse setzen, regionale Akteurinnen miteinbeziehen und lokale Ressourcen einsetzen, die anschließend wieder rückgeführt werden. So wurde schon für die von Pietroiusti initiierte Aufführung von „Sun & Sea“ in Luckenwalde örtlicher Sand verwendet, der anschließend wieder zurückgebracht wurde. Außerdem ist die Kosten-Nutzen-Rechnung einer sich langsam, über mehrere Monate aufbauenden Präsentation eine andere, effizientere im Vergleich zu einer eilig aufgebauten Ausstellung, die nur für einige Wochen zu sehen ist. 

Ende Oktober eröffnete „Being Mothers“ mit der Filminstallation „The Family (A Zombie Movie)“ des Karrabing Film Collective, einer Gruppe indigener Filmemacherinnen und Künstler mehrerer Generationen, die zum größten Teil im Northern Territory in Australiens beheimatet sind. Anhand ihrer Filme stellen sie historische sowie gegenwärtige Machtstrukturen infrage, kreieren selbstbestimmte Bilder von Indigenität und entwickeln Narrative, die sich den hegemonialen Erzählungen und Zuschreibungen widersetzen. Immer wiederkehrende Motive sind die unterschiedlichen Aspekte kolonialer Gewalt, die den Alltag der indigenen Bevölkerung bestimmen: soziale Ungleichheit, Umweltzerstörung, wirtschaftliche Ausbeutung und Restriktionen.  

Nur die pinken Kuscheltiere überleben

Der in der Turbinenhalle in Kombination mit weiteren Filmen präsentierte Film „Zombie Movie“ ist Teil eines umfassenderen Projekts, das sich mit der im Northern Territory gelegenen Anson Bay Region auseinandersetzt und das Ziel verfolgt, dieses ökologisch sensible Gebiet zum Kulturerbe zu deklarieren. 

In der für das Karrabing Film Collective typischen Filmsprache – die mal dokumentarischen, mal phantastischen Sequenzen springen in Zeit und Raum, wechseln zwischen Komödie, Tragödie, Satire und Realismus, Archivmaterial trifft auf scheinbar improvisierte und spontan aufgenommene Szenen, Schnipsel älterer und neuerer Filme überlagern sich – entfaltet sich hier eine eindringliche Erzählung: Während die zeitgenössischen Kollektiv-Mitglieder real darum bemüht sind, die körperliche und geistige Verbindung zum Land ihrer Vorfahren anhand von Zeremonien aufrecht zu halten, gewährt der Film Einblicke in eine fiktive Zukunft der Nachfahren. Der weiße Mensch existiert hier nur noch in Gestalt degenerierter Kreaturen, die in den Trümmern und Überresten ihres toxischen Kapitalismus hausen. Verrostete Autos und schmutzige, pinke Kuscheltiere sind die verbleibenden Insignien seiner auf Ausbeutung und Profitgier basierenden Vergangenheit. 

Der ehemalige „Herrscher der Welt“ („They were the rulers of the world“) ist in dieser Zukunft dem eigenen, nach Außen gerichteten Zerstörungstrieb und Größenwahn zum Opfer gefallen und landet schließlich in einem Netz, das die Karrabing-Nachfahren auslegen. 

Damit die Besucherin gar nicht erst auf die Idee kommt, all das habe wenig mit ihr zu tun, wandelt sie in der Turbinenhalle selbst durch Wracks alter Autos, die auf umliegenden Schrottplätzen gesammelt wurden. Die alten DDR-Fahrzeuge, darunter ein beinah vollkommen verrosteter Trabbi, bilden ein narratives Element, das daran erinnert, dass Machtstrukturen und daran geknüpfte Lebenswirklichkeiten keine Garantie auf ewige Haltbarkeit haben. 

Film als Widerstandswerkzeug

Und auch die Mahnung „wir sind die zukünftigen Vorfahren“ („we are the future ancestors“), die immer wieder auf den beiden äußeren Projektionswänden der Dreikanalinstallation erscheint, kann durchaus auch als ein Appell an die hiesige Rezipientin verstanden werden. 

Die Präsentation von „The Family“ und den weiteren, auf kleineren Bildschirmen gezeigten Filmarbeiten, ist nicht nur eine umfassende Werkschau, sondern auch eine beeindruckende Manifestation der Art und Weise, wie das Karrabing Film Collective das Medium Film nutzt: Als Tool des Widerstands und des Kampfes um und für das eigene Land. 

In eine weitere Geschichte von Vorherrschaft und Umweltzerstörung auf der einen Seite und Fürsorge auf der anderen versetzt die Installation „Static Range“ (seit 2020) der interdisziplinär arbeitenden Künstlerin Himali Singh Soin. Die in einem der vorderen Räume des Erdgeschosses präsentierte Arbeit knüpft an eine Jahrzehnte zurückliegende Umweltkatastrophe an und entfaltet von hier aus Strategien der Heilung. 

1965, mitten im Kalten Krieg, verbündete sich die CIA mit ihrem indischen Pendant, dem CBI (Central Bureau of Investigation), um eine Beobachtungsstation am Himalaya zu installieren, mit deren Hilfe chinesische Nuklearaktivitäten ausspioniert werden sollten. Amerikanische und indische Bergsteiger hatten den Auftrag, die Geräte zur Ausforschung auf dem Nanda Devi, dem zweithöchsten indischen Berg, aufzubauen – darunter ein Generator, der mit dem giftigen und radioaktiven Schwermetall Plutonium betrieben wurde. 

Wenn der Generator Briefe schreibt

Doch aufgrund eines schweren Unwetters musste die Aktion kurz vor dem Ziel abgebrochen werden. Um den schweren Generator bei einem späteren Versuch nicht erneut den gesamten Weg transportieren zu müssen, wurde er in einer Felsnische deponiert. Aber als die Bergsteiger im Frühjahr 1966 zurückkehrten, um die Beobachtungsstation zu installieren, war der Generator verschwunden. Ein Bergsturz hatte ihn vermutlich mit sich gerissen und ihn am Südhang unter Felsen, Eis und Schnee begraben – im Hauptquellgebiet des heiligen Ganges. Von 1968 bis 1974 wurde das Areal daraufhin geschlossen, seit 1982 ist das Gebiet um die Nanda Devi ein Nationalpark, der 1988 in die Liste des UNESCO-Weltnaturerbes aufgenommen wurde. 

„Static Range“ besteht unter anderem aus einem von der Künstlerin vorgelesenen „toxischen Liebesbrief“ des nach wie vor verschollenen Generators an Nanda Devi, die Göttin der Freude. „du hast gewitter zusammengebraut, erdrutsche, gletscherstürze, um mich auszuwerfen aus deinem körper“, heißt es in diesem Brief, „ich widerstand, strahlte photonen aus, verlor energie. jetzt hältst du mich fest, wenngleich ich dich auflös‘, allein durch mein dasein.“ 

Des Weiteren ist auf einem Bildschirm eine animierte Briefmarke zu sehen. Sowohl diese Animation als auch die Stickerei des Künstlers Jordan Nasser basieren auf einer Fotografie, die Soins Vater 1978 von dem Berg aufnahm.

Ein heilender Garten als Teil der Ausstellung

Um die Göttin der Freude im Umgang mit ihrem gefährlichen Verehrer zu stärken, lud die Künstlerin außerdem die Heilerin Viveka Chauhan ein. In einer Zeremonie wird sie der „Bergin“ heilende Energien schicken, wobei die unterschiedlichen Elemente der Installation genutzt werden, um die Aura des Berges zu reinigen. 

Und schließlich wird die Künstlerin im Außenbereich des E-Werks einen therapeutischen Garten anlegen, in dem Pflanzen gezogen werden sollen, die radioaktive Strahlung absorbieren können. 

Mit „Static Range“ erinnert Soin an eine Umweltkatastrophe, die kaum im öffentlichen Bewusstsein verankert zu sein scheint. Ihr disziplinübergreifendes Denken lässt sich dabei einordnen in die zeitgenössische Infragestellung des anthropozentrischen Weltbildes und der Hinwendung zur Verbundenheit zwischen Mensch und Natur.

„Power Nights: Being Mothers, A Growing Exhibition“, E-Werk Luckenwalde, zum Veranstaltungsprogramm geht es hier.

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