Schwere Geburt – Die Kunst und ihr Verhältnis zu Müttern

Text für Monopol-Magazin (10.11.2021)

Lange gab es nur Maria mit Kind, jetzt zeigt die Ausstellung „Mutter!“ in Mannheim, wie vielfältig Mutterschaft heute in der Kunst verhandelt wird. Doch im Kulturbetrieb muss sich noch viel ändern, bis Mütter wirklich dazugehören

Ein wenig steif liegt das nackte Kind in den Armen seiner Mutter. Während es versunken mit einer Kette spielt, richtet sich die mütterliche Aufmerksamkeit voll und ganz auf den Jungen. Ihre Arme und ihr Rumpf bieten Halt, Schutz und Wärme, ihr Blick ist fokussiert – sie ist jederzeit bereit, die Bedürfnisse ihres Babys zu erkennen und sie zu stillen. Die langen, ordentlich geflochtenen Haare scheinen den blauen Mantel hinunterzufließen und das purpurfarbene Gewand lässt die Wölbung der nährenden Brust nur erahnen. 

Die Darstellung „Madonna mit Kind“ (nach 1454) des Renaissance-Künstlers Dieric Bouts (zwischen 1410 und 1420-1475) ist nicht nur typisch für die niederländische Malerei des 15. Jahrhunderts, sie steht auch für das Mutterbild, das seit Jahrhunderten die westliche Kunstgeschichte und Vorstellungswelt prägt. Die selbstvergessene, aufopfernde, reine Mutter ist das Ideal, das die Vorstellung von beziehungsweise den Anspruch an Mutterschaft nach wie vor mehr oder weniger explizit bestimmt. 

Dabei dürften Mütter, deren Lebensrealität sich in der Darstellung der Madonna widerspiegelt, heute wie damals schwer zu finden sein. Viel eher erkennen sie sich in dem erschöpften Gesicht der Frau, die in Alice Neels Gemälde „Ginny and Elizabeth“ (1975) zu sehen ist. Oder in Rineke Dijkstras Fotografie „Julie, Den Haag, Netherlands, February 29, 1994“ (1994), die eine junge Frau zeigt, die ihr frisch geborenes Baby im Arm hält. Bekleidet ist sie nur mit einer durchsichtigen Krankenhausunterhose, in der eine große Einlage das Wochenblut auffängt. Sie schaut geradewegs in die Kamera. Ihr Blick spiegelt Glück und Stolz wider, aber auch das Erstaunen, vielleicht auch die Bestürzung, über das kürzlich Erlebte.

Die Realität der Mutterschaft ist soviel mehr als das harmonische Miteinander

Neels und Dijkstras Arbeiten zeigen: Die Realität der Mutterschaft ist soviel mehr als das harmonische Miteinander einer liebenden Mutter und ihrem prächtig gedeihenden Kind. Die Realität hat auch mit Wut zu tun, mit Reue, Schmerz und nagenden Selbstzweifeln, mit Angst und Verzweiflung, mit Trennung und Verlust. Sie beinhaltet den oftmals beschwerlichen und zuweilen vergeblichen Weg Mutter zu werden, wie er in Elina Brotherus‘ Serie Annonciation (2009-2013) thematisiert wird. Die Fotografien dokumentieren die Versuche der finnischen Künstlerin auf dem Wege der künstlichen Befruchtung schwanger zu werden. Abschluss der Serie bildet die Fotografie My Dog is Cuter Than Your Ugly Baby (2013): Auf dem frontal aufgenommenen Selbstporträt, das kurz nach einem weiteren gescheiterten Versuch entstand, hält die Künstlerin statt einem Baby einen Dackel im Arm und zeigt der Betrachterin den linken Mittelfinger.  

Alle diese künstlerischen Positionen sind, neben vielen weiteren, Teil der Ausstellung Mutter!, die nach der ersten Station im dänischen Louisiana Museum of Modern Art seit dem 1. Oktober in der Mannheimer Kunsthalle zu sehen ist und die sich den unterschiedlichen Wahrnehmungen von Mutterschaft in der Kunst widmet. 

In Abgrenzung zu Dieric Bouts‘ Ideal-Darstellung entfaltet sich hier ein facettenreiches Bild von Mutterschaft: Die unterschiedlichen Erfahrungen mit diesem Thema, die so vielfältig sind, wie es Menschen auf dieser Erde gibt, umfassen dabei folgerichtig nicht nur das Muttersein, sondern auch das Nicht-Muttersein und das Mutterhaben, sowie Mutterschaft, die weder an biologische Verwandtschaft noch an das weibliche Geschlecht gebunden ist. 

Lange war die Betrachtung einseitig

Tracey Emins „Feeling Pregnant II“ (1999-2002), in der die Künstlerin ihre Angst vor einer ungeplanten Schwangerschaft thematisiert oder das Lied „Little Green“ (1966) der Sängerin Joni Mitchell, das entstand nachdem sie sich dazu entschied, die neugeborene Tochter zur Adoption zu geben, finden hier ebenso ihren Raum wie Ulrike Rosenbachs überbordende Mutterliebe in der gleichnamigen Videoarbeit von 1977 und die queeren Mutterfiguren in Jennie Livingstons Dokumentarfilm „Paris is Burning“ (1990).

Während die vielfältigen Annäherungen an Mutterschaft der tatsächlich existierenden Komplexität dieses Themas gerecht werden, steht Bouts‘ „Madonna mit Kind“ exemplarisch für die Tradition der zwar langen, aber einseitigen Beschäftigung mit Mutterschaft in der bildenden Kunst: Jenseits der Madonnen-Darstellung war die künstlerische Auseinandersetzung mit diesem Thema, mit seinen nicht ganz so blütenweißen Facetten, den damit verbundenen vielseitigen Emotionen und seinen Abgründen, bis vor nicht allzu langer Zeit ein Tabu. Obschon sich kaum ein universelleres Sujet finden lässt, wurde gerade diese alle Menschen verbindende Erfahrung aus dem Kanon des Darstellbaren ausgeklammert.  

Weiterhin überrascht es mit Blick auf die Positionierung der Künstlerin in der westlichen Kunstgeschichte nicht, dass das Mutter-Bild bis auf wenige Ausnahmen die längste Zeit durch männliche Künstler geprägt wurde. Das hieraus resultierende eindimensionale, die Komplexität von Mutterschaft nivellierende und die Realität realer Mütter missachtende Bild wurde erst am Übergang vom 19. Jahrhundert zur Moderne langsam aufgebrochen: Käthe Kollwitz gibt in ihren eindringlichen Radierungen, Lithografien und Plastiken Zeugnis nicht nur von der Mutterliebe, sondern auch von Verlust und Schmerz. Und auch Hannah Höch und Lea Grundig widmen sich der Not und den Sorgen, die sich im Leben vieler Mütter vor das Kinderglück schieben. Die Liste lässt sich fortsetzen: Charlotte Berend-Corinth (1880-1967), Werner Berg (1904-1981), Arthur Brusenbauch (1881-1957), Otto Dix (1891-1969) und so weiter.  

Care-Arbeit als künstlerische Arbeit

Im Zuge der sogenannten Zweiten Welle des Feminismus setzen sich in den 1960/70er-Jahren Künstlerinnen wie Mierle Laderman Ukeles und Léa Lubin in ihren Arbeiten explizit mit dem Dilemma auseinander, in das die Gesellschaft sie drängt: In ihrer Performance „Mon Fils“ (1968) verlegt Lublin die Care-Arbeit für ihren damals sieben Monate alten Sohn für die Dauer einer Ausstellung in das Musée d‘ Art Moderne de la Ville de Paris und auch Ukeles macht die Frage der Vereinbarkeit von Mutterschaft und Kunst zum Gegenstand einer Performance, die sie 1974 am Institute of Contemporary Art in Boston durchführt. 

Die beiden Arbeiten fallen in eine Zeit, in der Mutterschaft und Künstlerin-Sein als voneinander getrennt existierende Kategorien gesehen wurden, als unmöglich zu vereinbarende Rollen: „Nun Mierle, ich denke, du weißt, dass du jetzt keine Künstlerin mehr sein kannst“, verkündet Ukeles‘ Professor während ihres Studiums der Bildhauerei am Pratt Institute, New York 1968 angesichts ihrer fortgeschrittenen Schwangerschaft. „Ich bin eine Künstlerin. Ich bin eine Frau. Ich bin eine Ehefrau. Ich bin eine Mutter (zufällige Reihenfolge)“, entgegnet Ukeles in ihrem 1969 verfassten „Manifesto for Maintenance Art“ und erklärt ihr Muttersein sowie die damit verbundenen Pflichten kurzerhand zum Inhalt ihrer Kunst.

Das ist mehr als fünf Jahrzehnte her, mittlerweile setzen sich immer mehr Künstlerinnen selbstbewusst mit den eigenen Erfahrungen und Sichtweisen im Hinblick auf das Thema Kunst und Mutterschaft auseinander – darunter Lenka Clayton, Alena Zhandarova, Hannah Cooke, Sarah Sudhoff und Elinor Carucci, um nur einige wenige zu nennen. Und auch auf institutioneller Ebene widmen sich sowohl im nationalen wie im internationalen Kontext immer mehr Ausstellungshäuser und Projekte diesem lange tabuisierten Thema: 

„Bit*ches und Babies“ im Museum

Im Lentos Kunstmuseum Linz fand 2015/2016 die Ausstellung „Rabenmütter. Zwischen Kraft und Krise: Mütterbilder von 1900 bis heute“ statt und in Berlin feierte die Ausstellung „bitchMATERial“ (2018) im Kunstquartier Bethanien nicht nur die Mutter als Schaffende, sondern auch den „Vollzeit-Vater“, den Transgender-Mann, der schwanger wird und die Transgender-Frau, die heiratet und Kinder adoptiert. Bei regelmäßigen Treffen, die seit 2019 im Rahmen der Reihe „B*tches&Babies“ in den Berliner KW stattfinden, tauschen sich die Teilnehmenden über die vielfältigen Fragen zu Mutterschaft, Care-Arbeit und neuer Elternschaft aus. Und gleichzeitig zur Mannheimer „Mutter!“-Ausstellung findet in der Schirn Kunsthalle Frankfurt eine Retrospektive der Arbeiten von Paula Modersohn-Becker statt, eine der wenigen Künstlerinnen der Klassischen Moderne, die sich in ihren Bildern mit Mutterschaft auseinandersetzte. 

Ist die Vereinbarkeit von Mutterschaft und künstlerischer Arbeit also mittlerweile ein Dilemma der Vergangenheit? Sicherlich nicht. Lässt sich aber sagen, dass mit der zunehmenden Aufmerksamkeit in Form von Ausstellungen, Publikationen und Veranstaltungen auch das Klima für Mütter/Künstlerinnen verbessert? „Ich bin mir nicht sicher, ob man sagen kann, dass sich das Klima signifikant geändert hat“, sagt die Berliner Galeristin Tanja Wagner. „Definitiv noch nicht ausreichend, aber die Aufmerksamkeit und das Bewusstsein verändern sich und das ist der richtige Anfang.“

Im Zuge der Pandemie entwickelte die Galeristin in diesem Sommer eine Serie wöchentlich wechselnder, online einsehbarer Viewing Rooms. Sie greifen verschiedene Inhalte auf, die für die Galerie Tanja Wagner von besonderer Bedeutung sind: darunter Feminismus, Widerstand, Erinnerung und eben auch Mutterschaft. 

Die Strukturen müssen sich ändern

Über die Hälfte der von Wagner vertretenen Künstlerinnen haben Kinder, „für manche ist die Karriere nachdem sie Mutter geworden ist, erst richtig gestartet“, so Wagner. Und doch: Trotz solcher Biografien, die zeigen, dass Mutterschaft nicht zwangsläufig zu einem Versiegen der kreativen Energie führt, sondern sogar künstlerisches Schaffen voranbringen kann, fällt es vielen schwer, Mutterschaft als Inspirationsquelle anzuerkennen. „Wir sind immer noch dabei, die über Jahrhunderte alten Strukturen von Misogynie und struktureller Entwertung von Frau und Mutter zu überwinden. Dass Mutterschaft häufig noch als Karrierehemmnis wahrgenommen wird, hat mit der eigenen Erfahrung und dem eigenen Umfeld zu tun. Wenn es Menschen nicht gewohnt sind oder keine Vorbilder haben, wie man als Künstlerin auch mit Kind im kreativen Schaffen bleibt und die Karriere weitergeht, dann mag es bei dem einen oder anderen Zweifel geben. Aber das hat meine und die Arbeit meiner Künstlerinnen nie beeinflusst.“

Um Künstlerinnen, die auch Mütter sind, und Künstler, die die Care-Arbeit für ihre Kinder übernehmen, in ihrem Schaffen zu unterstützen, müssen die strukturellen Bedingungen dafür geschaffen werden. Ein Aufenthaltsstipendium bringt einer Künstlerin wenig, wenn sie an dem Ort keine Betreuung für ihr Kind hat. 

Das vom Procreate Project ins Leben gerufene Mother House Studio ist ein Beispiel, wie Frauen dabei unterstützt werden können, beide Rollen miteinander zu vereinbaren: Die Ateliers sind hier mit der Möglichkeit zur Kinderbetreuung verbunden und ermöglichen den Künstlerinnen so, tatsächlich ins Arbeiten zu kommen. 

„Instabilität, wenig Schlaf und das Unbekannte ist man gewöhnt.“

Im Galerie-Alltag geht es vor allem um das offene Gespräch und um Flexibilität, so Tanja Wagner: „Wenn eine meiner Künstlerinnen schwanger wurde, haben wir uns meist hingesetzt und die nächste Einzelausstellung geplant – mit Zeit. So gab es einen beruflichen Anker, sie wussten, es geht weiter, aber mit einem Datum, das machbar war. Mir war es immer wichtig, dass offen angesprochen wird, wenn man wegen des Kindes einen Termin nicht wahrnehmen kann, oder verschieben muss. Das ist ein ebenso triftiger Grund, wie alle anderen Begründungen, da gibt es keine Bewertung.“ Wahrscheinlich sind nicht alle Galeristinnen und Galeristen bereit, in dieser Form auf ihre Mütter/Künstlerinnen einzugehen. Hinzu kommt, dass viele Künstlerinnen gar nicht von einer Galerie vertreten werden und ihren Karrierepfad allein gehen müssen. 

„Es ist noch ein langer Weg und ein stetes Erforschen dessen, was es braucht, um Mutterschaft und künstlerischen Schaffen in Einklang zu bringen“, so Wagner, „aber ich denke, die Bereitschaft zum Gespräch, offenes Nachfragen und Ausprobieren sind Schritte in die richtige Richtung, so wie Netzwerke und Unterstützung von Gleichgesinnten. Eine meiner Künstlerinnen, Laurel Nakadate, meinte einmal in einem Gespräch über Mutterschaft, dass man als Künstlerin die perfekten Voraussetzungen für das Muttersein hat: Instabilität, wenig Schlaf und das Unbekannte ist man gewöhnt.“

Keine der Mutter-Ikonen hat Zeit

„Wer soll deine persönliche Coachin auf deinem Weg der Mutterschaft sein, liebe Hyunsin?“, fragt eine mit einer großen Rabenmaske verkleidete Showmasterin die Performerin Olivia Hyunsin Kim. Zur Auswahl stehen die Heilige Jungfrau Maria, die alles für die Liebe machen würde, die „Künstlerin durch und durch“ Marina Abramović und Medea, die es in die Top 10 der verachteten Mütter geschafft hat. Am Ende hat keine der Damen Zeit: Marina will ihre in ihrem Körper verfügbare, aber begrenzte Energie nicht für mütterliche Aufgaben opfern, Maria will sich auf die Erziehung ihres Sohnes fokussieren und Medea ist damit beschäftigt, ihren Ruf zu retten. 

Olivia Hyunsin Kims Performance „Like Daughter, Like Mother. Taking Care of Motherhood“, die zuletzt im Oktober in den Berliner Sophiensälen zu sehen war, setzt sich nicht nur mit der Frage auseinander, wie sie ihre bekannte Rolle als Künstlerin mit jener neuen der Mutter vereinbaren kann, sondern auch wie sie ihr eigenes Muttersein für sich definieren soll. Mit der Absage der drei Coaching-Kandidatinnen wird jedoch gleich zu Beginn deutlich, dass sie hierbei ihren eigenen Weg gehen muss. 

Muss? Man sollte eher sagen: Kann.

„Mutter!“, Kunsthalle Mannheim, bis 6. Februar 2022.

Beitragsbild: Cindy Sherman, Untitled (1990)

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