Bilder, die nicht nichts zeigen // Ariel Reichman bei PSM

Die Fotografien des südafrikanischen Künstlers Ariel Reichman (*1979 in Johannesburg), die in der Ausstellung „The last (last) light“ zu sehen sind, zeigen nichts. Und doch ist nicht nichts zu sehen.

Für die Serie „Grain“ (2019) verzichtete Reichman auf ein Motiv und stellte das fotografische Aufnahmemedium selbst sowie seine Beziehung zum Licht in den Mittelpunkt der Arbeit. Aufgenommen in gleißend hellen Räumen, in totaler Dunkelheit oder durch das direkte Fotografieren einer Lichtquelle, offenbaren die stark vergrößerten Aufnahmen die unterschiedlichen Körnungen der verwendeten analogen Filme. Die Eigenschaften des Materials, das normalerweise als physischer Träger eines Bildes dient, wird so selbst zum Inhalt der Fotografie. Diese selbstreferenziellen Einheiten, entstanden durch das Prinzip der Reduktion, erstarren jedoch nicht im Bezug auf sich selbst. Sie setzten vielmehr zahlreiche Assoziationen in Gang und eröffnen einen Raum der Gleichzeitigkeit und ja: des Staunens. Die auf den ersten Blick vollständig schwarze Fläche der Arbeit „Grain #2“ (2019) löst sich aus der Nähe betrachtet in ein gleichmäßiges Rauschen weißer Flecken auf dunklem Hintergrund auf und erinnert an den unverstellten Blick in einen nächtlichen Sternenhimmel oder an das schwarze Nichts, das sich präsentiert, wenn man die Augen fest geschlossen hält.

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Ariel Reichman, Grain #2, 2019, Silver gelatin print, 160 x 120 cm, 1/3 + 1AP, Courtesy PSM

Die sich intuitiv einstellende Suche nach einer Logik, der das Gesehene folgt, erschöpft sich schnell in dem Nebeneinander von Chaos und Klarheit, dem die Millionen Punkte folgen. Die zum Bild gewordene Materialität des fotografischen Films folgt keiner Ordnung und verliert sich dennoch nicht in Unordnung, beide Prinzipien existieren hier gleichzeitig und gleichberechtigt.

Das von weitem einheitliche Grau des Bildes „Grain #1“ (2019) löst sich ebenfalls in zahlreiche einzelne Punkte auf versetzt das eigene Sehorgan bei näherer Betrachtung geradezu in Aufregung: Während das Auge zwischen den Millionen schwarzen Fleckchen hin und her springt, wird das Sehen geradezu spürbar, da die Augenmuskeln durch die permanente Neufokussierung stark beansprucht werden. Und auch in „Grain #3“ (2019) wird die Betrachtung der Arbeit zu einer körperlichen Erfahrung, bei der sich der Prozess des Sehens auf den gesamten Körper auszudehnen scheint: Die Körnung des Films entwickelt hier eine regelrechte Sogwirkung, durch die man glaubt, in das Bild hineingezogen zu werden.

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Ariel Reichman, Grain #4, 2019, Silver gelatin print, 50 x 50 cm, 1/3 + 1AP, Courtesy PSM

Das Staunen, das diese Werke hervorrufen, bezieht sich somit auch auf die Tatsache, dass Reichmans Fotografien den Raum um die Bilder herum aufzulösen scheinen. So schlicht sie präsentiert sind – zuweilen ohne Rahmen, direkt an der Wand befestigt – so sehr vermögen sie es, die Betrachterin an sich zu ziehen, sie fordern dazu auf, ganz nah heranzukommen, bis die Nase beinah den Druck berührt. In dieser Nähe zwischen Werk und Betrachterin entsteht ein beinah meditativer Zustand, der das Außerhalb für einen Augenblick vergessen lässt.

Für die titelgebende Installation „The last (last) light“ (2019) färbte der Künstler das Glas der Glühbirnen mit schwarzem Lack ein, so dass die Streuung des Lichts verhindert wird. Das Licht wird an der Ausführung seiner Aufgabe gehindert, nur noch ein schwaches, eben letztes Lichtlein dringt trüb durch die Lackschicht. Reichman bezieht sich hier auf den kubanischen Künstler Felix Gonzales-Torres, dessen Werk sich unter anderem durch das Motiv der Leere und durch den Akt des Verschwindens auszeichnet und die Rezipienten sowohl körperlich als auch intellektuell in den Moment der Auseinandersetzung einbezog.

Ariel Reichman studierte an der Universität der Künste Berlin bei Hito Steyerl und an der Bezalel Academy of Art and Design Jerusalem.
Hier geht es zum Text auf art-in-berlin.de

Ariel ReichmanPSM Gallery

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