Sammlungspräsentation im Kunstmuseum Wolfsburg

Nach 165 Tagen Schließzeit, in der das Kunstmuseum Wolfsburg für 4 Millionen Euro umfassend saniert und erneuert wurde, eröffnete am 23.3.2019 die Ausstellung „Now Is The Time“ mit einer Bestandsaufnahme der Sammlung des Hauses.

Der Titel ist Michel Majerus´ Arbeit „What looks good today may not look good tomorrow“ (1999) entlehnt. Das Werk soll bei jeder Neuerwerbung daran erinnern, „dass das, was wir uns heute aneignen, auch für spätere Generationen eine Aussage und Wertigkeit haben soll“, so der Leiter der Sammlung und Kurator der Ausstellung Holger Broeker.
Doch das Bild, das die seit 25 Jahren bestehende Sammlung hier in der zentralen Ausstellungshalle vermittelt, ist das einer hauptsächlich männlich-dominierten, westlich-zentrierten Sammlungsgeschichte. Dabei verspricht der Auftakt der Ausstellung mehr Abwechslung. Eingangs werden zwei Positionen gegenübergestellt: Jörg Immendorffs „Kleine Reise (Hasensülze)“ (1990) steht für die bestehenden Themenstränge der Sammlung, die Wandinstallation „Those who would douse it (it does not disturb me to accept that there are places where my identity is obscure to me, and the fact that it amazes you does not mean I relinquish it)” (2018) der aus der Dominikanischen Republik stammenden Künstlerin Firelei Báez markiert die Öffnung der Perspektive in Richtung mehr Diversität innerhalb der Sammlung. Auf den 58 herausgetrennten Buchseiten kommentiert Báez die instrumentalisierte Geschichtsschreibung und widmet sich Themen wie indigener Erinnerung, postkolonialer Geschichte und schwarzer Weiblichkeit.

Doch diese Themen werden in „Now Is The Time“ zunächst von anderen Positionen überschwemmt; die große, zentrale Ausstellungshalle ist vornehmlich den männlichen, westlichen Künstlern vorbehalten: Christian Boltanski, Douglas Gordon, Andreas Gursky, Franz Ackermann, Neo Rauch und andere, oder wie es zu dieser Präsentation passend in einem Text des Kurators heißt: hier „(…) regelt ´Bear and Policemen` (1988) von Jeff Koons den Verkehr“. In Bezug auf die Arbeiten „Passerby“ (1996) und „A Hunting Scene“ (1994) von Jeff Wall heißt es in dem Text: „(…) in denen die Zeit wie eingefroren erscheint, und wo man sich fragt, mit welchen Geschehen man gerade konfrontiert ist“ – und tatsächlich: das fragt man sich nach dem eingangs versprochenen Dialog und der darauf folgenden, nun ja, etwas einseitigen Präsentation. Wobei: ein paar Künstlerinnen sind auch in der großen Halle zu sehen: Pia Linz, In Sook Kim, Katie Armstrong, Fiona Tan und Mariana Vassileva, deren Arbeit „Microfon“ (2017) man jedoch vor zwei Drucken von Gert Jan Kocken installierte und auf ein Podium stellte, das Teil des Settings „Telling Histories“ (2003) des Künstlers Liam Gillick ist. Das ist natürlich platzsparend. Dass dadurch ein neues Ensemble entsteht, das als eine Position wahrgenommen wird…. geschenkt.

Die mit Báez eingeleitete Öffnung der Perspektive wird erst im oberen Geschoss fortgesetzt. In einigen der hier gezeigten Arbeiten treten Randfiguren der Gesellschaft auf den Plan, werden Visionen einer egalitären Welt gesponnen und Übergänge zwischen Tradition und Moderne in verschiedenen Kulturen visualisiert.

Wie eine Antwort auf die gewählte Sammlungspräsentation kommt die Arbeit „Museum of Unbelongings (MOU)“ (2018) der indischen Künstlerin Mithu Sen daher. In ihrer Installation entwirft sie das Modell eines Museums ohne Labels und Hierarchien. „Alle Gegenstände haben den gleichen Wert – eine Metapher für eine egalitäre, grenzenlose Welt“, heißt es in dem Beschreibungstext der Ausstellung „Facing India“ im Kunstmuseum Wolfsburg, in der die Arbeit 2018 gezeigt worden war. Die Ansammlung der alltäglichen Dinge, oftmals erotisch, hybrid und körperbezogen, wirft die Frage auf, was in die Gesellschafts- und Kulturgeschichte Eingang findet und was aus der Repräsentation herausfällt.

Sehr eindrucksvoll sind auch die Fotografien der indischen Künstlerin Gauri Gill. Die Serie „Acts of Appearance“ (begonnen 2015) entstand in Konkan im indischen Bundesstaat Maharashtra und wurde inspiriert von dem Ritual der indigenen Bevölkerung während des Bahoda-Fests sakrale Pappmaché-Masken zu tragen, die Götter und mythologische Figuren darstellen. Von lokalen Künstlern ließ Gill daraufhin Masken anfertigen, die das tägliche Leben der Dorfbewohner*innen widerspiegeln. Die so entstandenen Masken reflektieren einerseits die starke Verbundenheit der indigenen Bevölkerung der Adivasi mit ihrer natürlichen Umwelt und der Tradition, und zeigen andererseits die Auseinandersetzung mit den Entwicklungen der Moderne.

Pieter Hugo gewährt in seinen Fotografien (2005–13) einen Blick auf „das Durchgangsstadium der südafrikanischen Gesellschaft“ (Uta Ruhkamp). Aufnahmen wie „Barristers and Solicitators of the Supreme Court of Ghana“ (2005), auf denen ghanaische Jurist*innen mit Roben und hellen Perücken zu sehen sind, verdeutlichen Narben aus kolonialer Zeit, die Arbeit „Thoba Calvin and Tshepo Cameron Sithole-Modisane, Pretoria“ (2013), die ein homosexuelles Paar in traditioneller Hochzeitskleidung zeigt, untersucht das Verhältnis zwischen Individuum und Gesellschaft.

Nachdem der vormalige Direktor Ralf Beil Ende vergangenen Jahres überraschend gegangen wurde – vermutet werden Meinungsverschiedenheiten mit dem Träger des Museums, der Kunststiftung Volkswagen, in Hinblick auf die für 2019 geplante Ausstellung „Oil. Schönheit und Schrecken des Erdölzeitalters“ – wird nun ab 1. April Andreas Beitin die Leitung übernehmen. Now Is The Time die Erweiterung der Perspektive fortzusetzen, ganz nach dem Motto: „What looks good today may not look divers tomorrow“.

Hier geht es zum Text „Das Gestern und das Heute einer Sammlung, und die Frage nach dem Morgen“ auf art-in-berlin.de

Abbildung: Gauri Gill, Untitled (aus der Serie Acts of Appearance), 2015

Kunstmuseum Wolfsburg

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