Zukunft ohne „Heimat“ – Der vierte Berliner Herbstsalon denkt Zugehörigkeit neu

Gesellschaftliche Machtverhältnisse bilden sich immer auch in der Art und der Verteilung von Sprache ab: Wer spricht wie und wem wird lediglich die Rolle der Zuhörerin zuteil? Wer entscheidet darüber, was in den Katalog des Sagbaren und Hörbaren aufgenommen wird? Und, wie formt all das unsere Wahrnehmung des uns Umgebenden? Dass es oft die rechten und konservativen Kräfte sind, die sich dieses „Recht“ besonders lautstark herausnehmen, kann dieser Tage überall beobachtet werden.

Der Titel der vierten Ausgabe des interdisziplinären Berliner Herbstsalons, DE-HEIMATIZE IT!, versteht sich als Aufforderung, als Appell. Es geht, so formuliert es Mit-Organisatorin und Intendantin des Maxim Gorki Theaters Shermin Langhoff in ihrem Editorial, darum, gemeinsam eine neue Sprache zu finden. Eine Sprache frei von nationaler, rassistischer und sexistischer Prägung, die sich nicht ökonomischen Interessen verpflichten lässt.

Das Motto lehnt sich an einen Vortrag der Professorin für politische Soziologie Bilgin Ayata an. „Heimat“, so Ayata, sei in Deutschland untrennbar mit der kolonialen und faschistischen Gewaltgeschichte verbunden, wodurch der Begriff nicht geeignet sei, um kollektives Erzählen zu ermöglichen: „Wir dürfen uns nicht damit aufhalten, schönere, pluralistischere Versionen von Heimat zu finden. Wir müssen Zugehörigkeit de-heimatisieren und grenzenlos und unverschämt bleiben.“

Der am vergangenen Wochenende eröffnete Berliner Herbstsalon widmet sich dieser Aufgabe in einer umfangreichen Ausstellung, mehreren Theatervorstellungen und Performances, einer Konferenz und einer Akademie mit Kulturschaffenden aus aller Welt.

In den Räumen des Palais am Festungsgraben und des Maxim Gorki Theaters demonstrieren die Künstlerinnen und Künstler ihren Widerstand gegen marginalisierende und ausgrenzende Mechanismen und zeichnen auf Solidarität basierende Gegenentwürfe. So geht die südafrikanische Künstlerin Candice Breitz (*1972, lebt in Berlin) in ihrer Videoinstallation „TLDR“ (2017) der Frage nach, welche Rolle privilegierte Künstlerinnen und Künstler einnehmen können, um der Forderung nach sozialer Gerechtigkeit Nachdruck zu verleihen und um Sichtbarkeit zu erzeugen, wo die Gesellschaft sich blind stellt. Die Arbeit entstand in Zusammenarbeit mit dem Kollektiv Sex Workers Education & Advocacy Taskforce und gibt Sexarbeiterinnen und -arbeitern aus Kapstadt den Raum für ihre persönlichen Erzählungen.

Im Gorki Garten hinter dem Theater liegen die Reste des Eröffnungswochenendes buchstäblich in Schutt und Asche: Während der Performance „No Aceptamos Sus Disculpas“ („Wir Akzeptieren Eure Entschuldigungen nicht“) der Künstlerin Regina José Galindo (*1974, lebt in Guatemala) bearbeitete eine Gruppe Frauen einen silbernen BMW – Stellvertreter für die patriarchalische Macht und die kapitalistische Ausbeutung – mit Äxten, Stahlrohren und Hämmern.
Leiser, aber dafür umso eindringlicher, sind Galindos Arbeiten, die im Erdgeschoss des Palais am Festungsgraben gezeigt werden: Für die Soundinstallation „No Guardaremos Más Silencio“ („Wir werden nicht mehr schweigen“, 2019) bat sie ältere Berlinerinnen, die Berichte von Frauen vorzulesen, die nach dem Ende des 2. Weltkriegs Vergewaltigungen durch die Alliierten zum Opfer fielen. Die Texte legen dar, wie sich Krieg und Macht in Form drastischer Misshandlung in den Frauenkörper einschreiben. Die Stimmen der Frauen fallen zusammen mit den Bildern der Videoarbeit „Tierra“ (2013), die die vollständig entkleidete Künstlerin auf einer Wiese stehend zeigt. Um ihren schutzlosen Körper frisst sich ein lärmender Bagger in den Erdboden, immer näher kommt er der reglosen Frau, deren Blick starr nach vorne gerichtet ist. „Tierra“ thematisiert die Gräueltaten des guatemaltekischen Präsidenten Ríos Montt, der 2013 wegen Völkermordes und Verbrechen gegen die Menschlichkeit verurteilt wurde: Montt war für die Ermordung zahlreicher Angehöriger der indigenen Bevölkerung verantwortlich, die er mit Bajonetten erstechen und sie in kurz zuvor ausgehobenen Gruben vergraben ließ.

Im Treppenaufgang verweist die Installation „Ichweisszwaraberdennoch, 2015“ (2019) von Banu Cennetoğlu (*1970, lebt in Istanbul) auf das Auseinanderfallen von Sprache und Realität: 23 mit Helium gefüllte Buchstaben-Ballons ergeben das Zitat des französischen Psychoanalytikers Octave Mannoni, das auf die Diskrepanz zwischen der Anerkennung bestehender sozialer Verhältnisse und der Bereitschaft, etwas zum Positiven zu verändern, hinweist. Im Verlauf der Ausstellungsdauer ordnen sich die Ballons immer wieder selbstständig und ungeordnet neu an, so dass der ursprüngliche Satz nach und nach zu einer dadaistischen Buchstabenfolge zerfällt.

Im Obergeschoss legt Grada Kilomba (*1968, lebt in Berlin) in ihrer raumgreifenden, dreiteiligen Videoinstallation „Illusions Vol. I-III“ (2016-19) das Potenzial zur Unterdrückung offen, das den Erzählungen der griechischen Mythologie innewohnt. Ein paar Räume weiter nimmt Natasha A. Kelly (lebt in Berlin) das Bild „Schlafende Milli“ (1911) des Expressionisten Ernst Ludwig Kirchner zum Ausgangspunkt der beiden Arbeiten „Millis Rising – Eine Filmythologie“ (2019) und „Millis Erwachen“ (2018). Die in den beiden Arbeiten artikulierte Vielfalt der individuellen Lebensrealitäten Schwarzer Frauen in Deutschland wird dem durch Kirchners Bild repräsentierten kolonialisierten, erotisierenden und exotisierenden Sehgewohnheiten entgegengehalten.

Um Vielfalt und um das Spannungsfeld zwischen Individualität und Kollektivität geht es auch in Tanja Ostojićs (*1972, lebt in Berlin) Arbeit „Lexicon of Tanjas Ostojić“ (2012-19), für welche sie über einen Zeitraum mehrerer Jahre über 30 Frauen weltweit mit dem Namen Tanja Ostojić traf um herauszufinden, was sie eint und was sie unterscheidet. Die Interviews mit den Frauen erzählen von den jeweiligen Arbeitsbedingungen, Migrationserfahrungen sowie von Identitäts- und Geschlechterfragen.

Die Ausstellung ermöglicht mit den 57 Arbeiten der 40 Künstlerinnen und Künstler zahlreiche Denkanstöße, die unter der Prämisse der Zusammengehörigkeit von „Heimat“ und Patriarchat dazu anregen, sich mit den Mechanismen von Ausgrenzung und Ungleichheit auseinanderzusetzen und Zugehörigkeit jenseits althergebrachter Schemata zu denken.
Ergänzt wird die ohnehin sehr dichte Ausstellung, für die es sich auf jeden Fall lohnt, viel Zeit und Denkkapazität mitzubringen, durch Stationen im Zeughauskino im Deutschen Historischen Museum, im Haus der Statistik und in dem Kreuzberger Projektraum Scotty.

Hier geht es zum Text auf art in berlin

Berliner Herbstsalon

Abbildung: Natasha A. Kelly, Millis Erwachen, Installation, 2018

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