Fotografien des Übergangs – Stefan Moses im Bröhan-Museum

Fotografien des Übergangs: Die Ausstellung „Abschied und Anfang. Ostdeutsche Porträts 1989–1990“ im Bröhan-Museum zeigt Arbeiten des Fotografen Stefan Moses.

Unsicher, nicht misstrauisch aber doch vorsichtig lächeln die beiden jungen Männer an der Kamera vorbei, ihre Blicke sind auf einen Punkt außerhalb des Bildes gerichtet. Sie scheinen auf dem Sprung zu sein; rasch ein Foto zwischen zwei Zigarettenzügen. Ihre Oberkörper sind leicht zueinander geneigt, die Frisuren – an den Seiten kurz, oben länger – und die Klamotten – weiße Socken in dunklen Lederslippern, Jacken im Blouson-Schnitt und Pullover, die in Hosen gesteckt wurden – sprechen die modische Sprache der ausklingenden 1980er, frühen 1990er Jahre. Zwei Jungs auf dem Weg zum Erwachsenwerden – wie das Land, in dem sie aufgewachsen sind, befinden auch sie sich in einer Umbruchphase.

Stefan Moses fotografierte sie bei einem seiner Besuche in der ehemaligen DDR, wohin er vom Winter 1989/90 an bis zur Wiedervereinigung mehrmals reiste, um im Auftrag des Deutschen Historischen Museums Berlin (DHM) die Menschen vor Ort zu porträtieren. Ursprünglich hatte Christoph Stölzl, erster Generaldirektor des DHM, Moses gebeten, den Übersiedlern ein fotografisches Denkmal zu setzen. Mit dem 9. November 1989 war eine neue Wirklichkeit geschaffen, und der Auftrag lautete nun nicht mehr, die Ausgereisten zu fotografieren, sondern die Dagebliebenen.
Die dabei entstandene Serie „Ostdeutsche Porträts“ vervollständigte Moses´ langjährige Arbeit der Dokumentation der Alltagsgesellschaft in Deutschland. Während seine Anträge, in der DDR fotografieren zu dürfen, vor dem Mauerfall stets abgelehnt worden waren, war es nun möglich, auch in diesem Teil des Landes, dem alltäglichen Leben nachzuspüren. Immer im Bild, „Damit die Gemeinsamkeiten sichtbar werden“: Das graue Tuch, auf dem er die Dargestellten schon bei seinen Aufnahmen in der BRD posieren ließ.

Moses, 1928 geboren, als Enkel jüdischer Großeltern 1943 der Schule verwiesen und 1944 in ein Zwangsarbeiterlager interniert, dem er jedoch entfliehen konnte, arbeitete nach seiner Ausbildung zunächst als Theater- und Bühnenfotograf, ehe er in den 1950er Jahren begann, das Leben der Deutschen in all seinen Facetten abzubilden. Schnell wurde er zu einem der bekanntesten und wichtigsten Porträtfotografen des Landes, zum Chronisten der Nachkriegsgesellschaft. Nicht nur bekannte deutsche Gesichter – unter vielen anderen Theodor W. Adorno, Hilde Domin, Walter Gropius und Heiner Müller – bat Moses vor seine Kamera, sondern auch oder gerade die Menschen, die der großen Geschichtserzählung entgehen.

Von Februar bis Mai dieses Jahres waren seine frühen Fotoreportagen im Deutschen Historischen Museum Berlin zu sehen, das Bröhan-Museum präsentiert nun seine „Ostdeutschen Porträts“. Die Fotografien der Ausstellung zeigen nicht nur prominente Persönlichkeiten, die mit der Geschichte der DDR verbunden sind, wie den Dramatiker Heiner Müller und den Schriftsteller Stefan Heym, sondern vor allem auch die für die Nachwelt namenlos Bleibenden. Es sind jedermann und jederfrau, deren Leben und Alltag in den revolutionären Wende- und Umbruchsjahren auf den Kopf gestellt wurden und die diese Serie so besonders machen: Die beiden Jungpionierinnen und der Thälmannpionier, die ihre Hände zum typischen „Immer bereit“- Gruß richten, die Köchin, ein Häubchen auf dem dauergewelltem Haar, die mit skeptischem, verschlossenem Blick in die Kamera schaut, der Brauereiangestellte, der auf einem Fass sitzend sein fotografierendes Gegenüber ernst fixiert und die feixenden Textilfacharbeiterinnen und -arbeiter.
Ihre Namen stehen auf keinen Buchdeckeln und unter keinen Texten, aber in Moses´ Fotografien werden sie zu Gesichtern der Zeitgeschichte.

1963 notierte Moses in sein Notizbuch: „Hier der Mensch, der sich dagegen wehrt, erkannt zu werden, weil er glaubt, daß etwas von ihm sichtbar gemacht wird, was er nicht preisgeben will. Dort der Photograph, der diese Preisgabe fordert. Warum? Er sucht Erkenntnis und Wirklichkeit. Hinter dem Schein sucht er das Wesen.“ Und ganz in diesem Sinne markieren die Aufnahmen der „Ostdeutschen Porträts“ mehr als nur Menschen in einer Umbruchphase. Sie zeigen zahlreiche subjektive Wirklichkeiten, die heute, 30 Jahre später, einen Blick auf die DDR zulassen, deren Wesen fernab von den politischen Wirklichkeiten eben auch durch die Existenz der in ihr lebenden Menschen bestimmt wurde.

300moses19112
Stefan Moses
Heiner Müller, Hellersdorf
Fotografie
1991
© Else Bechteler-Moses
300moses19113
Stefan Moses
Junge Pioniere, Cottbus
Fotografie
1991
© Else Bechteler-Moses

Hier geht es zum Text auf art in berlin

Abbildung: Stefan Moses, Köchin, Cottbus, 1990 © Else Bechteler-Moses

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