„Das Glück und ich haben uns nie getroffen“ – Arin Rungjang in der daadgalerie Berlin

Text für Monopol-Online und Artmagazine (26.2.2021)

Die Stadt, das Geschehen auf der sogar in Corona-Zeiten noch verhältnismäßig wuseligen Kreuzberger Oranienstraße, greift in Arin Rungjangs Arbeit „Ravisara“ (2019) ein. Auf der Fensterscheibe der DAAD-Galerie spiegeln sich vorbeilaufende Passanten, parkende Autos und die gegenüberliegenden Häuser. Ihre Reflexionen überlagern sich mit den aneinandergereihten Bildschirmen der Mehrkanal-Installation, die in einem großen Halbkreis im Innenraum des Ausstellungsortes installiert sind.

Auf ihnen sind Ausschnitte eines anderen Raumes zu sehen: eine Backsteinwand, Holzboden, ein Heizkörper, eine Ballettstange. Sechs Frauen unterschiedlichen Alters erscheinen, mal einzeln, mal zu zweit, später in einer Gruppe. Sie bewegen sich langsam durch den Raum, legen sich auf den Boden, rollen sich zusammen wie ein kleines Kind, betasten vorsichtig ihr eigenes Gesicht. Manchmal scheint es, als seien sie Tänzerinnen, die ihren Körper für die kommende Anstrengung vorbereiten, ihn massieren, dehnen. Hin und wieder tauschen sie gegenseitig zaghafte Berührungen aus, die an tröstende Gesten erinnern. Musik dringt aus dem Ausstellungsraum – oder kam sie doch aus einem der vorbeifahrenden Autos?

„Ravisara“ erzählt die Geschichten dieser Frauen, die alle aus unterschiedlichen Regionen Thailands nach Deutschland kamen. Entstanden ist die Installation des Künstlers Arin Rungjang (geboren 1975, lebt in Bangkok) als Ergebnis seiner Beschäftigung mit der thailändischen Gemeinschaft in Berlin, mit der er sich während seines Aufenthalts als Stipendiat des Künstlerprogramm des DAAD in Berlin 2018 beschäftigte. Rungjang setzt sich in seiner künstlerischen Praxis mit Geschichte, Geschichtsschreibung und Erinnerung auseinander. Anhand von Archivmaterial, Alltagsobjekten und mündlichen Überlieferungen bringt er historische Ereignisse und persönliche Erfahrungen zueinander ins Verhältnis und schafft so Möglichkeiten althergebrachte Narrative neu zu interpretieren. 

Jede Erzählung gehört allen

In „Ravisara“ fallen die Erzählungen und die Aufnahmen der Frauen auseinander. Ihre Stimmen sind nicht zu hören, die Berichte erscheinen in Textform, übersetzt ins Englische, auf einem weiteren Bildschirm, der sich direkt am Fenster befindet. Die unterschiedlichen Schilderungen sind den einzelnen Frauen nicht zuzuordnen, auch wenn die Betrachterin ihre Bewegungen nach entsprechenden Gesten untersucht. Doch die Lücke, der Raum zwischen dem Text, der auf dem vorderen Bildschirm erscheint und den Protagonistinnen bleibt bestehen, lässt sich nicht auflösen. Die Geschichten sind so auf der einen Seite sehr persönlich und individuell, auf der anderen Seite macht es den Anschein, als gehöre jede einzelne Erzählung nicht nur einer der Frauen, sondern allen.

Es sind umformulierte Wiederholungen ähnlicher Umstände, die von Gewalterfahrungen, Geschlechterrollen, Verlusten und Hoffnungen erzählen. Immer wiederkehrend: Das Motiv der Mutter, die für das Wohl ihrer Kinder in das ferne Deutschland aufbricht, um dort Geld zu verdienen, gegeißelt durch die Tatsache das Kind zurücklassen zu müssen. „The happiness and I have never met“, erfahren wir in M.‘s Bericht. Aber auch Momente der Selbstermächtigung und Autonomie blitzen auf – es sind immer auch die Erinnerungen von Frauen, die ihr Leben in die Hand nehmen, um die Bedingungen zu verbessern: Wie D.: „In the past, we would obey our parents, but these days I believe it’s up to a woman to choose our path. We can decide, similar to what Buddha taught: we come to this world alone. If we think this way is better, we just go.“ (Das Booklet übersetzt: „In der Vergangenheit haben wir unseren Eltern gehorcht, aber heutzutage glaube ich, ist es an den Frauen, unseren Weg selber zu wählen. Wir können entscheiden, es ist wie Buddha lehrt: wir kommen allein in diese Welt. Ist besser, wenn wir so denken, wir gehen ein ach los.“)

Die Erinnerung ist nicht betretbar, gehört aber zur Stadt

Die ursprüngliche Eröffnung der Ausstellung war bereits im April 2020 geplant und wurde dann auf den November verschoben. Da auch im Herbst eine Öffnung fürs Publikum nicht möglich war, konzipierte der Künstler die Arbeit um, sodass sie nun in neuer Form durch das Schaufenster der DAAD-Galerie zu sehen ist.

Durch diese Präsentationsform entsteht eine doppelte Distanz zu den Frauen. Nicht nur durch die Tatsache, dass sich die Erzählungen nicht eindeutig zuordnen lassen; auch der Blick durch das Fenster der Galerie und der Abstand zu den Bildschirmen schaffen Entfernung. Hinzu kommt das Geschehen auf der Straße, die Spiegelbilder, die zuweilen stören und ablenken, das Vermischung der Geräusche aus dem Inneren des Ausstellungsraumes mit denen des Verkehrs.

Jeder und jede, die an den Geschichten vorüberläuft, ohne stehen zu bleiben, ohne zu lesen, ohne zu schauen, wird so Teil der Arbeit. Vielleicht verstärkt die neue Präsentationsform einen wichtigen Aspekt des Werks sogar: Die Erinnerungen jeder dieser Frauen bilden einen eigenen Raum, der niemandem gehört als ihnen selbst. Dieser Raum ist für andere nicht zu betreten, Pandemie hin oder her. Doch gleichzeitig sind diese Erinnerungen nicht von der Stadt zu trennen, sie sind Teil des Lebens in Berlin. Viele solcher Geschichten werden täglich durch die Straßen getragen ohne gehört zu werden. Im Fall von „Ravisara“ muss man nur stehenbleiben und hinschauen.

Arin Rungjang „Ravisara“, DAAD-Galerie, Berlin, bis 6. April

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