Stadt und Knete – Berlins Mitte im Kreislauf kapitalistischer Verwertbarkeit

Text für Kultur-Mitte (24.2.2021)

Fotografin: Ines Lechleitner, courtesy: after the butcher

Die Ausstellung „Stadt und Knete. Positionen der 1990er Jahre“ bei after the butcher wirft einen Blick auf den künstlerischen Widerstand gegen den Ausverkauf eines Bezirks.

Ein Mann steht vor dem Haus, in dem sich seine Mietwohnung befindet. Noch bevor er den Eingang erreicht hat, bekommt das Gebäude Augen und Mund und hindert ihn am Eintreten: „Du kannst hier nicht mehr rein.“

„Was, warum denn nicht?“, fragt der Mann empört. 

„Weil ich keine Lust hab“, entgegnet es schnippisch. 

„Diese scheiß privatisierten Häuser“, kommentiert der Bewohner seinen Ausschluss wütend. „Nie kann man sich auf die verlassen.“

Ortswechsel: Zu sehen ist der Eingang einer U-Bahnstation. Aus dem Schacht dringt eine dumpfe, männliche Stimme:„Zurückbleiben, hier beginnt meine Privatsphäre!“

Eine Person nähert sich dem eigenwilligen U-Bahnhof, geht die ersten paar Treppen nach unten. Doch bald wird sie von der Stimme aufgehalten: „So wie Sie aussehen, kommen sie hier überhaupt nicht rein!“

Diese Szenen des Videos „Egoland“ (1997), einem 55-sekündigem Knetgummi-Animationsfilm, thematisieren auf humorvolle Weise die zunehmende Privatisierung von Wohn- und öffentlichem Raum, wie sie in der Nachwendezeit vor allem ist den alten Ost-Bezirken, darunter auch der Bezirk Mitte, stattfand. Zu sehen ist das Video der damals in der Torstraße ansässigen Initiative A-Clip (oder: zu sehen wäre das Video, wenn nicht gerade Pandemie wäre) in der Ausstellung „Stadt und Knete. Positionen der 1990er Jahre“bei after the butcher. Die Ausstellung versammelt Positionen der Berliner Kunstpraxis der Nachwendezeit, wobei es im Besonderen um kollektiv entstandene Arbeiten und um Fragen des öffentlichen Raumes und der Stadtplanung geht. Im Fokus steht vor allem der heutige Bezirk Berlin-Mitte – die nach der Wiedervereinigung einsetzenden Umbrüche traten hier besonders deutlich zutage und gleichzeitig herrschte in diesem Teil der Stadt eine sehr lebendige Szene Kunst- und Kulturschaffender. 

Die Schau ist eine Kooperation mit den KW Institute for Contemporary Art in der Auguststraße, wo bis Anfang Mai das Werk der Berliner Künstlerin Amelie von Wulffen (*1966) gezeigt wird. Von Wulffen war eine der Künstler*innen, die sich kritisch mit den Umbrüchen in Berlin auseinandersetzte. Ihre Einzelpräsentation in den KW ergänzend, zeigt „Stadt und Knete“ einige frühe Arbeiten der Künstlerin und bettet sie ein in den Kontext weiterer Positionen dieses besonderen Abschnitts „Berliner Kunstgeschichte“, dem bisher kaum Aufmerksamkeit geschenkt wurde. 

Der Besucherin bietet sich anhand der gezeigten Arbeiten und Dokumentationen – neben Videos, Fotografien und Gouachen sind auch Magazine zu sehen – ein lebhaftes Bild der damaligen Auseinandersetzung mit den Veränderungen, die im Besonderen den heutigen Bezirk Mitte erfassten. Dabei bewegen sich die meisten Positionen zwischen Kunst und Aktivismus und haben auch heute nichts von ihrer Dringlichkeit eingebüßt.  

Im hinteren Bereich der ehemaligen Fleischerei werden auf einer Leinwand vier kollektiv produzierte Knetgummi-Animationsfilme gezeigt, die auf ganz besondere Weise von den in den 1990er Jahren stattfindenden Entwicklungen berichten. Besonders „Egoland“ macht den Erfindergeist anschaulich, den die Akteur*innen an den Tag legten, um ihre Botschaften an die Öffentlichkeit zu bringen. Das Video ist Teil der A-Clip-Serie: Diese kurzen Werbefilmchen wurden zwischen 1997 und 2000 von Berliner Künstler*innen und Aktivist*innen produziert und in das Werbeprogramm verschiedener Kinos eingeschleust mit dem Ziel, Irritationen hervorzurufen und auf die sogenannten „Innenstadtaktionen“aufmerksam zu machen. Hierbei handelte es sich um Aktionstage, die 1997 und 1998 von Künstler*innen, Stadttheoretiker*innen und politischen Initiativen in mehreren Städten in Deutschland und in der Schweiz organisiert wurden. Sie entstanden im Kontext massiver Umstrukturierungen des Stadtraums und richteten sich gegen „Privatisierung, Sicherheitswahn und Ausgrenzung“. Der Name „Innenstadtaktionen“ bezieht sich explizit auf die Situation in Berlin und spielt auf die Tatsache an, dass hier insbesondere „die Mitte“ von diesen Veränderungen betroffen war.  

Mit dieser Thematik setzt sich auch „Die krumme Pranke“ (1997) von Amelie von Wulffen, Alice Creischer, Andreas Siekmann und Josef Strau auseinander. Der 30-minütige Film wechselt zwischen Realaufnahmen und Knetgummi-Animationen und beleuchtet die Bauskandale der 1990er Jahre am Potsdamer Platz, die von der Knetversion des Fernsehkommissars Derrick aufgedeckt werden.  

„Alle vier Videos verbindet die Frage nach dem Stadtraum und wie Kunst in den Stadtraum hineinwirkt und umgekehrt, wie der Stadtraum Künstler inspiriert oder auch angreift“, sagt Künstler Thomas Kilpper, der den Ausstellungsraum after the butcher zusammen mit Franziska Böhmer führt. 

Diese Frage taucht auch in den Arbeiten der Künstlerin Annette Wehrmann (1961-2010) auf. Die fünf Gouachen sind Teil ihres langjährigen Projekts „Ort des Gegen“, in dem Wehrmann sich mit den unbebauten, sich selbst überlassenen Flecken einer Stadt auseinandersetzt. Diese Brachen, noch nicht in den Kreislauf der kapitalistischen Verwertbarkeit eingespeist, bezeichnete Wehrmann als „Orte des Gegen“, die wesentlich zur Qualität einer Stadt beitrügen. Ein Gedanke, der mit Blick auf Berlin, als einer Stadt mit vergleichsweise vielen Brachen, die jedoch zusehends verschwinden, auch heute noch aktuell ist.

Dass die in der Ausstellung angesprochenen Thematiken der Nachwendezeit immer noch brisant sind, wird auch bei Betrachtung des Videos „Kollektive Erinnerungen“ (2020) deutlich. Die Künstlerin Ina Wudtke, die maßgeblich an der Konzeption von „Stadt und Knete“ beteiligt war, kombinierte Aufnahmen der Fotografin Katja Eydel und Interviewauszüge zu einem filmischen Rückblick auf die bereits oben genannten Innenstadtaktionen. Ausschlaggebender Gedanke, der zu den Aktionen führte, so hört man in dem Video, war die Frage, „ob man eine andere Stadt haben kann, die nicht aufgebaut ist auf einer Verwertungslogik“. Ein in dem Video gezeigtes Beispiel ist die „Sparkassenaktion“, in der die Akteur*innen auf die Funktion der Berliner Club-Szene im Hinblick auf die Ökonomie der Stadt hinwiesen. Sie nutzen den halböffentlichen Raum einer Sparkassen-Filiale um den Ort für ein paar Stunden – bis zum Eintreffen der Polizei – als Club zu nutzen und um so deutlich zu machen, dass die Stadt neben einem Tauschwert auch – und vor allem – einen Gebrauchswert hat. 

Installationsansicht „Stadt und Knete“, Foto: Ines Lechleitner, courtesy: after the butcher
Installationsansicht „Stadt und Knete“, Foto: Ines Lechleitner, courtesy: after the butcher

„Stadt und Knete. Positionen der 1990er Jahre“ ist für die, die dabei waren, sicher eine Erinnerung an eine aufregende Zeit; für alle anderen vermittelt die Schau einen lebhaften Eindruck von diesem Abschnitt Berliner Kunst- und Zeitgeschichte. 

Natürlich ist die Ausstellung aufgrund der Corona-Beschränkungen für die Öffentlichkeit geschlossen, aber das am 19.2.2021 per Zoom übertragene Gespräch mit Ina Wudtke, Thomas Kilpper, Annette Maechtel und Kathrin Bentele, Assistenzkuratorin an den KW, gab Interessierten nicht nur eine virtuelle Führung durch die Ausstellung, sondern auch eine vertiefende Kontextualisierung. Anhand ihres jüngst veröffentlichten Buches „Das Temporäre politisch denken. Raumproduktionen im Berlin der frühen 1990er Jahre“ legte die Kuratorin, Kunst- und Kulturwissenschaftlerin, Dozentin und Geschäftsführerin des nGbK Annette Maechtel dar, welche städtepolitischen Entwicklungen nach der Wiedervereinigung den Boden für die Innenstadtaktionen und viele der gezeigten Arbeiten bereiteten. 

Nicht nur im Zusammenhang mit der Ausstellung bei after the butcher waren Maechtels Ausführungen hochinteressant, sondern auch für das Verständnis dieser Stadt und insbesondere des heutigen Bezirks Mitte, wie sie heute dasteht und für die Herausforderungen, mit denen viele, vor allem auch Kunst- und Kulturschaffende konfrontiert sind. 

Denn bevor die Stadt massiv der Verwertungslogik, die heute mehr denn je um sich greift, ausgesetzt wurde, gab es eine Zeitspanne, in der dem städtischen Ausverkauf quasi ein Riegel vorgeschoben war: Nach der Wiedervereinigung unterlag im Ostteil der Stadt Berlin (und selbstverständlich auch in weiteren Gebieten der ehemaligen DDR) ein Großteil der Immobilien und Grundstücke offenen Restitutionsverfahren: Allein im Bezirk Mitte gab es für die Hälfte des gesamten Bestandes keine geklärten Eigentumsverhältnisse. Das Vermögensgesetz von 1990 sollte hier Abhilfe schaffen, es regelte die Rückübertragung von in der DDR oder im Nationalsozialismus enteigneten Vermögenswerten. Doch solange die Eigentumsverhältnisse ungeklärt waren, konnten die Grundstücke nicht in den Immobilienmarkt eingespeist werden. 

Ein Netzwerk aus Verwaltung und Kulturpolitik auf bezirklicher Ebene machte es nun möglich, diese Orte einer kulturellen Nutzung zu öffnen. Auf dem Gebiet des heutigen Bezirks Mitte entstand ein produktives Miteinander unterschiedlichster Kunst- und Kulturschaffender, Aktivist*innen und politischer Initiativen. Unter anderem beginnt hier auch die Geschichte der KW: Nachdem die Besitzverhältnisse für das Vorderhaus und die ehemalige Margarinenfabrik in der Auguststraße 69 geklärt waren, erwarb die Stiftung Deutsche Klassenlotterie Berlin das Areal Mitte der 90er Jahre und stellte es dem Trägerverein KUNST-WERKE BERLIN e.V. zur Verfügung.  

Zu jenen Personen, die maßgeblich dazu beitrugen, ungenutzte Gebäude kulturell zu nutzen, zählt Jutta Weitz, die seit 1988 in der Kommunalen Wohnungsverwaltung KWV für die betriebliche Kulturarbeit zuständig war. Als die KWV 1990 in die Wohnungsbaugesellschaft Berlin-Mitte WBM überging, wechselte Weitz in die Gewerberaumabteilung. Für ihr Engagement in der Nachwendezeit um die Kunst- und Kulturszene im Bezirk Mitte verlieh ihr der Regierende Bürgermeister Michael Müller im Oktober 2020 den Berliner Landesorden. 

Zu einem erneuten Umbruch kam es Mitte der 1990er Jahre: Zu diesem Zeitpunkt waren die meisten Vermögensfragen geklärt, oder durch das Investitionsvorrangesetz ausgehebelt worden. Durch den Weiterverkauf der restituierten Immobilien und Grundstücke kam es zu einem massiven Eigentumswechsel, der in diesem Maße in keiner anderen Großstadt zu beobachten war. Der Gebrauchswert war dem Tauschwert gewichen – diese Einverleibung der Stadt durch die Verwertungslogik ist heute nicht nur, aber besonders eindrücklich am Potsdamer Platz zu sehen. 

An diesem Punkt, an dem „die Kapitalverteilung in Berlin mit ihrer Verfestigung von Machtstrukturen, Ausschlüssen und der Verdrängung besonders sichtbar wurde, setzten die Innenstadtaktionen an“, so Maechtel. 

Die aktuellen Fortsetzungen dieser Entwicklung in der Stadt müssen nicht lange gesucht werden und sind vielseitig. Um ein paar aktuelle Entwicklungen zu nennen: 2020 kaufte der schwedische Immobilienkonzern Heimstaden rund 4.000 Wohnungen in Berlin, darunter auch viele Objekte im heutigen Bezirk Mitte und im Sommer 2017 unterlag der Berliner Senat einer Gruppe von Privatinvestoren, die die sogenannten Uferhallen in Gesundbrunnen kauften. Die Mieter*innen der ehemaligen BVG-Werkshallen – es befinden sich dort mehr als 80 Ateliers – kämpfen seither gegen die drohende Schließung und Verdrängung.  

Es wird zu sehen sein, wie sich diese Situation, die sich seit Jahren zuspitzt, zukünftig in den künstlerischen und aktivistischen Auseinandersetzungen wiederfinden wird.

Beitragsbild: Nein-Skulptur von Annette Wehrmann, Foto: Ines Lechleitner, courtesy: after the butcher

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