Verstorbene Künstlerin

Die tragische Geschichte der Kim Corbisier

Text für Monopol-Magazin (20.9.2021)

Es gibt auf Youtube ein Video mit der Künstlerin Kim Corbisier, das sie auf einer Wiese vor einem verlassenen Gebäudekomplex zeigt. Auf und ab laufend, eine Zigarette zwischen den Fingern, die angebrochene Packung in der anderen Hand, erzählt sie der filmenden Person, Ferenc Sebő, von ihrem Dasein als Königin der Schwalben. Sie trägt Alltagsklamotten – eine locker sitzende Jeans, eine zerschlissene, grüne Jacke, eine lange Halskette. Ihre dunklen, schulterlangen Haare fallen ihr ins Gesicht. Die Szene macht den Anschein einer improvisierten, spontanen Aktion.  

Corbisier spricht ungarisch, doch der Text wurde als Untertitel ins Englische übersetzt: „Wir wissen nicht, wie wir hierherkamen und wir ziehen immer weiter. (…) Es gibt einen bestimmten Ort, der unser Ziel ist, aber um dort hinzugelangen, müssen wir uns gut vorbereiten. (…) Stell dir diesen Ort wie einen Wald vor, in dem es keine Zeit gibt, es ist wie eine Leere. (…) Die Magie des Ganzen liegt in dem Wissen, dass wir diesen Ort erreichen werden“ 

Mal entfernt Corbisier sich von der Kamera, so dass sie aus einiger Distanz zu sehen ist, zuweilen unscharf. Dann kommt sie wieder näher, blickt erst auf Sebő und schließlich direkt in die Linse. Mit weit aufgerissenen Augen und hochgezogenen Augenbrauen erzählt sie von dem riesigen Wald – und wirkt dabei wie ein aufgeregtes Kind, das von einer unglaublichen Entdeckung berichtet. 

Das knapp viereinhalbminütige Video „Fecskekirálynő“ („Schwalbenkönigin“) wurde laut Beschreibung 2010 in der Künstlerkolonie Tihany, einem Standort der Ungarischen Universität der Bildenden Künste aufgenommen. Es hat den Untertitel „Kim Corbisier emlékére“ – in Erinnerung an Kim Corbisier. 

Das Leben in Eile – unvollständig ausgearbeitet

Die Arbeiten der jung verstorbenen Künstlerin (1985-2012) sind derzeit in einer Berliner Ausstellung zu sehen: In den repräsentativen Räumen des Löwenpalais, einer 1903/04 erbauten Villa, präsentieren die Stiftung Starke in Zusammenarbeit mit der Eleven Blokk Art Foundation Budapest 17 Gemälde, die einen Einblick in das kurze, aber eindrucksvolle Schaffen der Künstlerin geben.  

Der Großteil der gezeigten Werke entstand während ihrer Zeit an der Ungarischen Universität der Bildenden Künste in Budapest, wo sie von 2005 bis 2010 bei András Halász (geboren 1946 in Budapest) studierte. Die Dramaturgie der Ausstellung, die Aufteilung auf drei Räume, ermöglicht es dabei, die Entwicklung ihres malerischen Schaffens nachzuvollziehen: Die frühen, zwischen 2006 und 2008 entstandenen Öl-Gemälde zeigen hauptsächlich Personen aus Corbisiers Freundeskreis sowie die Künstlerin selbst. Noch sind die Motive präzise ausgearbeitet, ist das Bildfeld weitestgehend mit Farbe ausgefüllt. 

Doch im mittleren Raum wechseln sowohl die Motive als auch der Stil. Die Bilder der Jahre 2009 und 2010 entstanden nach Fotografien, die die Künstlerin bei ihren Aufenthalten in Paris, Marseille und Brüssel aufnahm. Sie zeigen Szenen des großstädtischen Alltags – Menschen, die von einem Ort zum anderen hasten, Geld abheben, Einkäufe tragen. Sie sind umgeben von Merkmalen urbaner Umgebungen: Baustellen, Ladenzeilen, Autos und Metrostationen. Anders als die vorangegangenen Arbeiten sind diese großformatigen Werke nur noch unvollständig in Öl ausgearbeitet, stellenweise verliert sich die Farbe in gewissenhaft ausgeführten Bleistiftskizzen. Zeichnung und Malerei gehen ineinander über, Flächigkeit und präzise dargestellte Details, Spontaneität und Präzision wechseln sich ab. Auf diese Weise erhalten die Bilder eine eigentümliche Dynamik und rufen gleichzeitig Assoziation an die Struktur von Erinnerungen hervor: Während manche Fragmente sehr konkret und exakt sind, existieren andere Teile nur in verblasster Form, sie erscheinen gewissermaßen als Leerstellen. 

„Symptomatische Äußerung ihres Schicksals“ 

So banal und unspektakulär die dargestellten Szenen auch sein mögen (Passantinnen überqueren einen Zebrastreifen, eine Mutter führt ihre beiden Kinder an der Hand), die Werke dieser zweiten Phase verleihen der Alltäglichkeit großstädtischer Umgebungen eine subtile Schönheit, die sich aus der Aufmerksamkeit für den einen, schnell vorübergehenden Moment ergibt. Diese Wertschätzung des Gewöhnlichen zeigt sich auch in einem ihrer Experimentalfilme, „Apperçevoir“, der zwar nicht Teil der Ausstellung, aber auf Youtube zu sehen ist. 

In den Bildern des dritten und letzten Raums, allesamt 2011 entstanden, scheinen die vorgezeichneten Bleistiftformen die Farbe nicht mehr fassen zu können. Die einzelnen Motive fransen geradezu aus, flächig ausgemalte Bereiche gibt es kaum mehr. Sowohl der Ölauftrag als auch die Bleistiftskizzen sind expressiver, skizzenhafter als zuvor und es entsteht insgesamt der Eindruck schnell, hastig gefertigter Arbeiten. 

Man muss die Tragödie der Kim Corbisier nicht kennen, um die Qualität ihrer Werke zu erfassen, um das spannungsvolle Flimmern, das von ihren Leinwänden ausgeht, wahrzunehmen. Und doch: Die Frage, wie eng Werk und Autorin miteinander verbandelt sind, inwiefern sich der künstlerische Ausdruck eines Menschen von seinem Leben trennen lässt, diese Frage tritt im Fall von Corbisiers Werk durchaus auf den Plan. So sieht der Kunsthistoriker und Kurator Dávid Fehér, der die Ausstellung im Löwenpalais eröffnete, ihre Arbeiten als „symptomatische Äußerung ihres Schicksals“ und bezeichnet sie als „Bilder des Zeitmangels“: „Die fiebrig, eilig auf die reine Leinwand gemalten Fleckenstrukturen, die auf den letzten Bildern schon ganz chaotisch wirken, erzählen nicht nur von der ungeordneten Lebensführung einer sich langsam verzehrenden Persönlichkeit, die stets unter Platzmangel leidet und sowohl mit der Welt als auch mit sich selbst im Kampf steht, sondern auch über das unausgesprochene Bewusstsein des sich nähernden Todes.“

Im Frühjahr 2012 stürzt Corbisier während einer Party von einem Balkon und erliegt einige Zeit später im Krankenhaus ihren Verletzungen. Es ist bis heute nicht abschließend geklärt, ob es sich um Suizid oder um einen Unfall handelte. In jedem Fall ist ihr Tod der Endpunkt eines zerrütteten, rastlosen und in vielerlei Hinsicht tragischen Lebens: Mit acht Jahren zieht Corbisiers Familie von Brüssel in das ungarische Nagyvenyim, einem Dorf in der Nähe von Dunaújváros, einer mittelgroßen Stadt südlich von Budapest. Kurz nach dem Umzug stirbt ihr Vater, mit 18 Jahren erfährt sie, dass ihre Mutter nicht die biologische Mutter ist; diese starb, als Kim zwei Jahre alt war.  

2005 nimmt Corbisier ihr Kunststudium in Budapest auf und verschafft sich schnell einen Namen. Sie bekommt Preise verliehen, hat Gruppen- und Einzelausstellungen, hauptsächlich in Budapest. Doch ihre Lebensumstände sind unsicher, zeitweise ist sie obdachlos und auf die Hilfe von Freunden angewiesen. Hinzukommen Depressionen, Magersucht, Drogenmissbrauch. Das, was durch Preise, Ankäufe und Förderer reinkommt, gibt sie für Rauschgift aus, oder sie verleiht es, ohne es jemals wiederzubekommen. Am Ende fehlt das Geld nicht nur für eine Wohnung und Arbeitsmaterialien, sondern auch fürs Essen.  

„Sie hatte diesen ungebrochenen Schaffensdrang“

In seiner Eröffnungsrede berichtet Fehér davon, wie er 2011 ihre Ausstellung anlässlich der Verleihung des Strabag Artawards in Wien eröffnete und sie ihn bat, fortan alle ihre Ausstellungen zu eröffnen. Wie ihm diese merkwürdige Bitte als Ausdruck ihres unbewussten Bedürfnisses nach sicheren Punkten in ihrem ruhelosen Leben erschien. Er erzählt von wirren, verstört wirkenden Nachrichten, die sie an ihn schickte und in denen sie ihn über eine geplante Werkreihe in Kenntnis setzen wollte. 

Auch die ungarische Filmemacherin Erika Kapronczai (geboren 1985 in Szigetvár, Ungarn), die derzeit an einem Dokumentarfilm über Corbisier arbeitet, berichtet vom schlechten Zustand, in dem sie die Künstlerin antraf. 

Kapronczai, damals noch Studentin der University of Theater and Film Arts in Budapest, hatte Corbisier in György Pálfis (geboren 1974 in Budapest) Experimentalfilm „Nem vagyok a barátod“ („Ich bin nicht dein Freund“) von 2009 gesehen, einer der Filme, in denen sie während ihrer Studienzeit mitspielte. Sie kontaktierte die Künstlerin 2011 mit dem Anliegen, einen Kurzfilm mit ihr zu drehen. Doch schon beim ersten Treffen wurde klar, dass es aufgrund ihrer Verfassung unmöglich werden würde, mit Kim zu arbeiten. „Sie war in keinem guten Zustand, aber sie hatte diesen ungebrochenen Schaffensdrang. Sie wollte unbedingt einen Film machen. Ich riet ihr, eine Klinik aufzusuchen, aber sie hatte Angst, dort nicht arbeiten zu können.“ Schließlich beschließen sie, anstatt des geplanten Kurzfilms gemeinsam einen Film darüber zu machen, wie Kim ihre Drogensucht bekämpft. Doch kurz nach ihrer Ankunft in der Entzugsklinik schicken die Ärzte sie fort, da sie die Ernsthaftigkeit ihres Vorhabens anzweifeln. 

Ein dichtes Netz an Unterstützung

Die beiden Frauen befinden sich zu dieser Zeit im engen Austausch, Kim lässt sogar ihre kleine Handkamera, die sie immer bei sich trägt, bei Erika. „Eines Tages rief sie mich an und wollte die Kamera haben, da es sonst keine Aufnahmen gäbe. Ich habe nicht wirklich verstanden, worum es ihr ging. Da ich gerade auf dem Land war, versprach ich, ihr die Kamera am folgenden Tag zu bringen.“ Am nächsten Tag erfährt Erika durch Kims Freund von ihrem Tod. 

Was passiert ist? „Ich weiß es nicht sicher. Aber ich kann mir schon vorstellen, dass sie wusste, dass sie sich in eine lebensgefährliche Situation begab. Ob der letzte Schritt dann aus freien Stücken erfolgte, oder ob die Drogen dazu führten, das kann ich nicht sagen. Aber ich denke schon, dass sie sich ihrer allgemeinen Lage bewusst war und dass sie wusste, dass es für sie sehr schwer werden würde, sich aus dieser Situation herauszukämpfen. Sie hatte große Angst davor, die Fähigkeit, Kunst zu machen, zu verlieren.“ Der derzeit entstehende Dokumentarfilm, der von der Budapester Galerie kArton Gáleria unterstützt wird und im November fertig sein soll, ist Erika Kapronczais dritter Anlauf, einen Film mit Kim Corbisier zu machen. Nun wird es ein Film über sie. 

An die 30 Interviews führte Kapronczai, darunter mit Kunsthistorikerinnen, Kuratoren, Freundinnen und ehemaligen Kommilitonen – in allen Gesprächen zeigt sich eine große Wertschätzung für die junge Künstlerin, so die Filmemacherin. Corbisier hatte ein dichtes Netz an Menschen, die sie unterstützen und fördern wollten – doch natürlich konnte keiner dieser Menschen ihr das geben, was sie wirklich brauchte: die Unterstützung und den Halt einer Familie. Ein wesentlicher Bruch, der ihr Leben fortan bestimmte, war laut Kapronczai der Moment, in dem Corbisier von ihrer leiblichen Mutter erfuhr. „Sie hatte eine gute Beziehung zu ihrer Mutter, beziehungsweise zur Stiefmutter, aber sie kam nicht darüber hinweg, dass sie sie angelogen hat. Das konnte sie nicht verarbeiten.“

Aufrichtigkeit und Transparenz

Diese Unbeständigkeit und Fragilität, die Kims Leben bestimmte, sieht Kapronczai auch in ihren Werken widergespiegelt. Redet man mit der Filmemacherin, die nicht nur im engen Kontakt mit Corbisier stand, sondern im Zuge der Arbeiten an dem Film auch ihre Familie in Belgien aufsuchte, setzt sich das Bild einer wurzellosen, von Brüchen und Unsicherheiten gezeichneten Biografie zusammen: Die Herkunft ihrer leiblichen Mutter ist nicht geklärt, der asiatische Einschlag, der auch in Kims Zügen zu sehen ist, muss weiter zurückliegen und ließ sich im Rahmen ihrer Recherchen nicht ermitteln. Und auch über die Herkunft des Vaters gibt es Uneinigkeiten. Weiterhin spekulieren Kims belgische Verwandte von seitens der leiblichen Mutter – Kapronczai traf zwei Cousins der Künstlerin –, dass der Vater Mitglied der Mafia war und die Mutter keines natürlichen Todes starb. Nachweisen lässt sich all das nicht. 

Sowohl in dem, was die Filmemacherin über Corbisier sagt als auch in der Rede Fehérs wird deutlich, dass der Künstlerin zuweilen etwas Kindliches anhaftete. Fehér spricht in seiner Rede von ihrer „kindlich-naiven, realitätsfernen Attitüde“. Behutsamer drückt es Kapronczai aus: Ihrer Einschätzung nach waren es unter anderem Corbisiers Offenheit und Unvoreingenommenheit, die ihr zum Verhängnis wurden: „Sie war sehr aufrichtig und transparent, nahm alles in sich auf. Das war letztlich ihr Problem, denke ich. Sie war wahnsinnig sensibel und war sich ihrer Stärke, die sie durchaus hatte, nicht bewusst.“

Sie beschreibt Kim als eine beeindruckende Erscheinung mit einem Nouvelle-Vague-Gesicht, als inspirierende Person, die zum Kind wurde, wenn sie lachte. „Sie war wie ein Wesen, das nicht von dieser Welt ist.“ Kim Corbisier – die Königin der permanent umherziehenden Schwalben. Auf der Suche nach dem Ort ohne Zeit.

Beitragsbild: Kim Corbisier, Untitled (Vest, green building), 2011

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