(Mode-)Fotografie als Agentin der Identitätsbildung

Es sind zahlreiche einzelne Fotografien, die zahlreiche verschiedene Gesichter, Körper, Situationen und Realitäten darstellen – und dennoch ergeben die in der Ausstellung The Black Image Corporationzusammengestellten Aufnahmen ein kohärentes Bild: das der starken, selbstbewussten Schwarzen US-amerikanischen Frau.

Die von dem Konzeptkünstler Theaster Gates (*1973 in Chicago) entworfene Präsentation bietet einen Einblick in das „visuelle Lexikon der USA“ (Gates) und macht sichtbar, was außerhalb einer bestimmten Leserschaft bisher kaum Beachtung fand: Aus dem umfangreichen Bild-Archiv der Johnson Publishing Company wählte Gates Aufnahmen der beiden Fotografen Moneta Sleet Jr. (1926–1996) und Isaac Sutton (1923–1995), die in den 50er und 60er Jahren die afroamerikanische Community in den USA portraitierten. Sutton und Sleet, der 1969 als erster Afroamerikaner den Pulitzerpreis erhielt, fotografierten für die Johnson Publishing Company, deren Magazine EBONY und Jet wesentlich an der Gestaltung der ästhetischen und kulturellen Sprache der gegenwärtigen afroamerikanischen Identität beteiligt sind.
The Black Image Corporation konzentriert sich hierbei auf die Darstellung Schwarzer Frauen, sie feiert die „Schönheit und Black Female Power“ und ehrt Sleet und Sutton, die mit ihren Fotografien „ikonische weibliche Momente erschufen“.

Gates, dessen künstlerische Praxis sich mit der Frage beschäftigt, wie Kunst dazu beitragen kann, Traditionen zu erneuern, Dialoge anzustoßen und Verbundenheit unter Gemeinschaften herzustellen, lädt die Besucher*innen dazu ein, in die Bildwelt der beiden bedeutenden Magazine einzutauchen und sich mit der Darstellung der Schwarzen Kultur auseinanderzusetzen. Das hierfür entwickelte Display bietet die Möglichkeit, mit den Bildern zu interagieren, das Material selbst zu entdecken und gewissermaßen die Rolle einer Bild-Redakteurin zu übernehmen. Neben zehn großformatigen Abzügen werden in vier kleinen Holzkabinetten weitere 112 Fotografien gezeigt, allesamt Ausschnitte aus dem umfassenden Konvolut an Mode-Aufnahmen, die Sleet und Sutton für EBONY und Jet anfertigten. Lange bevor 1974 die damals 21-Jährige Beverly Johnson als erste Schwarze Frau auf dem Cover der American Vogue erschien, zeigen die Fotografien die Stärke und die Komplexität Schwarzer US-Amerikanerinnen in ihrer ganzen Schönheit.

Die Bilder können von der Besucherin herausgenommen und kombiniert werden, so dass sich mit jeder Interaktion ein neues einzigartiges Arrangement ergibt. Im benachbarten Raum ermöglichen Leuchttisch und Lupe, den Auswahlprozess einzelner Bilder von einem Kontaktabzug nachzuempfinden, wobei die Betrachterin regelrecht in die Motive hineinzoomt. Sammelboxen mit unzähligen weiteren, kleinformatigen Abzügen lassen noch tiefer in Sleets und Suttons Bildwelt eintauchen. Auf diese Weise gelingt es der Ausstellung, der Besucherin einen individuellen Zugang zu der Bildauswahl zu ermöglichen, die Vielfalt der dargestellten Frauen zu erleben und einen Eindruck von der Material-Fülle zu bekommen, mit der Gates und seine Kuratorin Daisy Desrosiers bei der Sichtung des Archivs konfrontiert waren.
In langen Glasvitrinen werden Original-Ausgaben der beiden Magazine gezeigt, ihre Titelgeschichten reichen von Shirley Chisholm, der ersten afroamerikanischen Abgeordneten im US-Repräsentantenhaus bis zu dem Thema „Sex and the Black Woman“ – leider können die Hefte nicht durchgeblättert werden, so dass die hinter den Bildern stehenden Geschichten, die „Stories of Black Achievement“ weitestgehend verborgen bleiben.

Die Johnson Publishing Company, die Anfang April 2019 Insolvenz anmelden musste, wurde 1942 von John H. Johnson in Chicago gegründet und brachte ab 1945 die Monatszeitschrift EBONY und ab 1951 das wöchentlich erscheinende Magazin Jet heraus. Beide Veröffentlichungen verfolgten das Ziel, auf positive Weise das Leben Schwarzer US-Amerikaner*innen zu zeigen – in einer Zeit, in der eine Repräsentation der afroamerikanischen Lebenswirklichkeit in den Medien nicht vorhanden war oder allenfalls ein negatives Bild zeichnete: „Wenn man zu dieser Zeit die Weiße Presse las, hätte man annehmen können, das Schwarze niemals geboren wurden, denn die Weiße Presse beschäftigte sich nicht mit unserer Geburt“, wird der John H. Johnson in der November-Ausgabe von EBONY 1992 aus seiner Autobiografie zitiert.
EBONY und Jet berichteten über historisch bedeutende Ereignisse wie den Marsch auf Washington 1963 und die Bürgerrechtsbewegung ebenso wie über Alltagsmomente und Ereignisse aus Sport, Film und Mode, und sie boten Rollenmodelle und Identifikationsmöglichkeiten. Das JPC Archiv enthält heute an die 4 Millionen Bilder, die eine Zeitspanne von sieben Jahrzehnten umfassen und hierbei das Leben der afroamerikanischen Bevölkerung in ihrer Vielseitigkeit und ihrem Facettenreichtum darstellen.

Hier geht es zum Text auf art in berlin

Abbildung: Installationsansicht Theaster Gates, „The Black Image Corporation“ im Gropius Bau

Gropius Bau Berlin

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