Kapitalismus als skulpturale Kraft

Text für Monopol-Magazin (7.6.2021)

„Waren Sie vom Mietendeckel betroffen und wollen jetzt durchstarten? Machen Sie Ihre Wohnung zur Art Flat und streichen Sie bis zu 40% mehr Rendite ein! Hip, legal und nur 7% MwSt.“, steht am Kunstraum Weserhalle in Berlin-Neukölln. Die Werbefolie, die eines der beiden Fenster des Ladenlokals in der Weserstraße 56 bedeckt, sowie das über dem Eingang angebrachte Firmenlogo geben dem Kunstraum den Anschein eines real existierenden Immobilienunternehmens. Drinnen, im Showroom, springen einen die grellen Farben an: Lila Teppich auf türkisblauem Boden, neongelbes Stuhl- und Tischensemble, das für Beratungsgespräche bereitsteht – da kann die Kunst schon mal untergehen.

Links des Eingangs werden die vier Module präsentiert, zwischen denen Interessierte das für ihre Wohnung passende Kunstpaket auswählen können. Außerdem anwesend in Form eines lebensgroßen Pappaufstellers: CEO Hermann Rumpel, nach dessen brasilianischem Alter Ego, Antonio Da Silva, das Unternehmen benannt wurde. Das Projekt ermöglicht es Wohnungseigentümerinnen und -eigentümern nach eigenen Angaben, die Mietpreisregulierungen zu umgehen, indem sie ihre Wohnungen mit dem „Capital asset“ Berlins – der zeitgenössischen Kunst – ausstatten.

Dahinter steckt der Berliner Künstler Anton Steenbock. In seinen multimedialen Arbeiten untersucht er die Stadt als Wirkungsfeld politischer, sozialer und kapitalistischer Kräfte sowie die Transformationen, die urbane Orte im Laufe der Zeit und unter Einfluss bestimmter Interessen und Großereignisse durchlaufen. So widmete er sich während seines mehrjährigen Aufenthalts in Brasilien (2012–2017) unter anderem den rasanten Veränderungen, die den öffentlichen Raum im Zuge der Fußballweltmeisterschaft 2014 und der Olympischen Spiele 2016 neu formten.

2010 gründete Steenbock das fiktive, auf Infrastruktur- und Architekturprojekte spezialisierte Unternehmen Da Silva Brokers. Unter diesem Label wurden seither zahlreiche Projekte realisiert, die sich mit dem spekulativen Immobilienmarkt auseinandersetzen und die darauf abzielen, ein breites Bewusstsein für urbane und ökologische Transformationsprozesse zu wecken. Das neueste Projekt, Da Silva Brokers Art House (DSBAH), ist noch bis zum 11. Juni in der Weserhalle in Berlin-Neukölln zu sehen. Wir haben mit Steenbock über seine Arbeit gesprochen.


Anton Steenbock, bevor wir über Da Silva Brokers Art House sprechen: Wie würden Sie Ihre Arbeiten genau bezeichnen?

Performanceinstallation ist eine Bezeichnung, die ich schon früh verwendet habe. Der Aspekt der Installation ist eigentlich immer enthalten, auch wenn es manchmal nur im digitalen Raum ist. Und performativ sind meine Arbeiten in dem Sinne, dass sie immer inszeniert sind. Ich beziehe das Publikum in die Ausführung mit ein, wobei sie in den meisten Fällen nichts von ihrer Beteiligung und letztlich von ihrer Rolle bei der Vervollständigung der jeweiligen Inszenierung wissen.

So auch bei Da Silva Brokers Art House. Wie waren die Reaktionen?

Sehr divers. Es gab tatsächlich Vermieter*innen und Hausbesitzer*innen, die sich für die Start-up-Idee interessierten. Außerdem kam ein sogenannter Angel Investor auf uns zu, also eine Person, die gezielt nach Start-ups sucht, um sie finanziell und beratend zu unterstützen – natürlich gegen einen nicht unerheblichen Anteil an der erhofften Rendite. Ich selbst war ja die meiste Zeit nicht vor Ort, aber Ben Hammond, der die Weserhalle führt, kann sich mittlerweile ziemlich gut als Verkäufer der DSBAH-Idee inszenieren. Zum Teil treibt er das Spiel ziemlich weit – allerdings hat er immer im Blick, dass es ein schmaler Grad ist zwischen Inszenierung und Veralberung. Das ist auch wichtig, denn es geht mir nicht darum, die Leute für dumm zu verkaufen. Ziel ist es, eine Diskussion in Gang zu setzen. Ben hat ein Gespür dafür entwickelt, wie weit man gehen muss oder kann, um diese Diskussion anzustoßen.

Reagierten die Leute wütend, als sie gemerkt haben, dass sie auf eine Kunstaktion reingefallen sind?

Nein, dass jemand wütend wurde kam eigentlich nie vor. Die Leute, die ein kommerzielles Interesse an dem Projekt hatten, haben eher versucht, dieses anfängliche Interesse zu vertuschen. Es war ihnen peinlich, dass sie es nicht sofort durchschaut haben. Um diesen Moment der Realisation geht es mir: Sie werden mit ihren eigenen Mitteln konfrontiert, denn letztlich ist genau das ihre Strategie. Auch sie haben das Ziel, etwas zu verkaufen und bedienen sich dabei Beschönigungen und sicherlich auch Täuschungen.   

Was für Reaktionen gab es darüber hinaus?

Gegenüber der Weserhalle befindet sich das K-Fetisch, ein kollektiv betriebenes Café, dessen Team sich sehr aktiv in die Initiative „Deutsche Wohnen & Co. enteignen“ einbringt. Die K-Fetisch-Leute waren anfangs ziemlich wütend über das, was da vermeintlich in ihrer unmittelbaren Nachbarschaft passiert. Das wurde intern heftig diskutiert, haben sie mir im Nachhinein erzählt.

Aber sie sind sich doch der Tatsache bewusst, dass sich hier ein Kunstraum befindet.

Schon, aber wir haben die Sache so aufgezogen, als wäre die Weserhalle von Art Brokers aufgekauft worden. Ben hat ihnen kommuniziert, dass das Unternehmen ihm ein finanziell sehr attraktives Angebot gemacht hat, das er nicht ablehnen konnte. Also, so die Story, entschied er sich dazu, die Weserhalle zu schließen und Art Brokers nicht nur den Raum und seine Arbeitskraft sondern auch sein Netzwerk zur Verfügung zu stellen. Das ist ja noch mal eine Nummer heftiger, als wenn man sich „nur“ rauskaufen lässt. Irgendwann sind sie natürlich dahintergekommen, dass es sich um ein Kunstprojekt handelt und ab da fanden sie die Aktion super. Dann gab es noch den Tweet des Kreuzberger Baustadtrats Florian Schmidt von den Grünen. Der Tweet lautete: „#Mietwucher ist ätzend, aber Kunst für Mietwucher zu instrumentalisieren ist das letzte. Genau das macht dieses Unternehmen anscheinend. Den Eigentümer*innen wird 40% mehr Mieteinnahmen versprochen. Gruselig und hoffentlich illegal.“ Als er gemerkt hat, dass es Fake ist, hat er den Tweet gelöscht.

Und glauben Sie, dass Ihre Arbeiten über die unmittelbaren Reaktionen hinaus noch etwas bewirken können?

Ja, es gelingt oft, dass weitere Prozesse in Gang gesetzt werden. In Rio de Janeiro habe ich, bzw. Da Silva Brokers, 2013 das Projekt „Parque LAB – Anexo Tecnológico“ realisiert. Es ging um die Erweiterung des Palasts in Parque Lage. Das in den 1920er-Jahren gebaute Gebäude beherbergt heute ein Museum und die Escola de Artes Visuais. Die Idee von Da Silva Brokers sah eine Ergänzung des historischen Gebäudes durch einen modernen Überbau vor. Das hätte einen massiven Eingriff in den charakteristischen Hof bedeutet, und die Sicht auf den sich hinter dem Komplex erstreckenden Berg Concorvado wäre gestört worden. Ich bezog mich auf ein tatsächliches Vorhaben, das vor der Öffentlichkeit verborgen gehalten wurde: Der Palast ist ein beliebtes Ziel für Touristen und um das Eventhafte des Ortes zu verstärken, war der Bau einer Aussichtsplattform in Planung, wobei auch einige Räume der Kunsthochschule beansprucht worden wären. Aber wie gesagt, von diesem Vorhaben wusste niemand etwas.

Was passierte dann?

Es regte sich heftiger Widerstand gegen meine vermeintlichen Baupläne, das Modell wurde zerstört und es gab eine Petition. Letztlich führte dieser Widerstand auch dazu, dass das tatsächliche Vorhaben in den Fokus geriet. Es wurde dann aufgrund des massiven Protests nicht fortgesetzt.  
Das ist ein wesentlicher Teil meiner Arbeit: Ich beziehe mich zumeist auf tatsächlich existierende Bauabsichten, die allerdings unter dem öffentlichen Radar laufen, von denen die Menschen also nichts mitbekommen. Durch meine publikumswirksamen Aktionen lenke ich die Aufmerksamkeit auf diese Projekte, die sonst unbehelligt durchgeführt werden könnten.

Worauf beziehen Sie sich im Fall von Da Silva Brokers Art House?

Auf das Start-up Mbly. Die haben ein Konzept entworfen, das es Vermieter*innen ermöglicht, staatliche Mietpreisregulierungen und den Mietendeckel zu umgehen. Im Prinzip ist es verboten, möblierte Wohnungen teurer zu vermieten als unmöbliert. Die Idee des Start-ups ist es, dass die Vermieter*innen die Möbel am Mbly verkaufen, die die Möbel dann ihrerseits über einen gesonderten Vertrag an die neuen Bewohner*innen vermieten. In einem dritten Schritt werden die Möbel an die Vermieter*innen steuergünstig zurückgeleast, und sie bekommen eine monatliche Rendite aus der Möbelmiete. Alles sehr dubios.

Wie haben Sie dieses Verfahren kennengelernt?

Ich habe an einem Online-Seminar von Mbly teilgenommen, in dem dieses komplizierte System ausführlich erklärt wurde, und darauf basierend habe ich Da Silva Brokers Art House konzipiert. Nur das hier Mietpreisregulierungen nicht über Möbel, sondern über Kunst umgangen werden kann. Das Konzept von Mbly ist ja schon abstrus genug, aber ich habe es noch weiter auf die Spitze getrieben. Es gibt vier Module, zwischen denen die Vermietenden wählen können. Möglich ist eine  ortsspezifische Wandarbeit gegen einmalige Zahlung, bei monatlicher Zahlung werden die Kunstwerke regelmäßig ausgetauscht und für etwas mehr Geld werden die Kunstwerke sogar speziell für die jeweilige Wohnung und die darin vorhandenen Möbel angefertigt. Bei der Option „Performance“ muss man nicht einmal Platz in der Wohnung aufbringen. Es findet eine einmalige Performance statt, die dann gewinnbringend in NFT umgewandelt werden kann.

Wenn Florian Schmidt sich so über Ihr vermeintliches Unternehmen aufgeregt hat, haben Sie ihn dann auf Mbly aufmerksam gemacht? Oder sehen Sie es nicht als Ihre Aufgabe, mit dem Finger direkt auf etwas zu zeigen?

Nein, das ist nicht meine Aufgabe. Ich nehme eine eher neutrale Position ein mit dem Ziel, das Bewusstsein zu schärfen. Aber ich hoffe natürlich, dass Da Silva Brokers Art House dazu führt, dass öffentlicher Druck auf Unternehmen wie Mbly ausgeübt wird.

Wie erging es Ihren Plakaten, die Sie in der Umgebung angebracht haben?

Die wurden überklebt, übermalt und zum Teil zerstört. Auch die Scheibe wurde zugeklebt…

Freuen Sie solche Reaktionen?

Es ist auf jeden Fall gut zu sehen, dass die Leute das Projekt wahrnehmen. Meine Erfahrung ist, dass Aufmerksamkeit hier in Deutschland und besonders in Berlin eine ganz andere Rolle spielt als beispielsweise in Brasilien. Dort sind die Menschen im Großen und Ganzen leichter zu manipulieren, während man hier subtiler vorgehen muss. Hier ist es schwieriger, nicht sofort den Kunststempel zu bekommen.

Die Menschen in Brasilien sind leichtgläubiger?

Natürlich nicht alle. Aber es gibt auf jeden Fall eine breite Masse, die sehr leicht zu manipulieren ist.
Ich habe Anfang des Jahres von hier aus ein Projekt in Brasilien gemacht. Ich war zu einer Museumsausstellung im Museu de Artes do Espírito Santo (MAES) in Vitória eingeladen, die allerdings wegen Covid nicht stattfinden konnte und ins Digitale übersetzt werden sollte. Ich fand das alles irgendwie ziemlich langweilig und habe dann aus Spaß in einem digitalen Bild des Museums die Da Silva Foundation auf das Museumsdach montiert, und zwar als riesiges Ei.

Und dann?

Dieses Bild habe ich nachts auf Instagram gepostet und als ich am Morgen mein Handy angemacht habe, hatte ich unfassbar viele Anfragen und Kommentare. Das Bild wurde tausendfach geteilt und von vielen Zeitungen eins zu eins als News abgedruckt. Das hat eine riesige Aufregung ausgelöst: Mitten in der Corona-Pandemie, bei leeren Kassen und fehlendem Geld für Impfungen und so weiter ist ein solches Bauvorhaben für ein regionales Museum in Planung. Diese Aufregung schwappte dann über auf die Diskussion um ein Museum, dessen Renovierung seit Jahren aufgrund fehlenden Geldes stagniert – weil es über korrupte Wege abwandert. Mittlerweile wurde es wohl renoviert, allerdings nur sehr, sehr notdürftig, weshalb es jetzt schon wieder kurz vor der Schließung steht.
Was meine Aktion zeigt ist, dass es in Brasilien möglich ist, mit sehr wenigen Mitteln ziemlich große Wellen zu schlagen. Man kann sich gut vorstellen, was alles möglich ist, wenn man viel Geld in die Hand nimmt. Siehe die aktuelle Politik, die nutzt das für sich.

Woher kommt Ihr Interesse für den urbanen Raum und hier stattfindende Immobilienprojekte?

Ich bin interessiert am Kapitalismus als skulpturaler Kraft, die sich eben am besten in der Stadt als größtes menschliches Konstrukt widerspiegelt, sowohl in visueller als auch in sozialer und politischer Hinsicht . Für mich ist es aus einem künstlerischen Standpunkt heraus spannend zu beobachten, wie der Kapitalismus als formende Kraft Einfluss auf die Stadt nimmt. Ich bezeichne das gerne als kapitalistische Plastik.

In Ihrer Ausstellung „Blooming Landscapes“ im Gropius Bau (2020/21) haben Sie sich mit den Veränderungen auseinandergesetzt, die Berlin in den letzten Jahren durchmachte. Sie thematisierten die aggressive Besetzung des öffentlichen Raumes durch Start-ups und durch die „massenproduzierende hippe neue Kunstszene“ und lenkten den Blick auch auf die Strategien, die im Stadtmarketing eingesetzt werden. Was versprechen Sie sich davon?

In Berlin kommen zwei Ebenen zusammen. Zum einen gibt es die soziale, künstlerische Ebene, die Menschen, die Berlin zu dem gemacht haben, wofür die Stadt heute noch steht: Ein freier Ort, an dem man wirken kann. Auf einer zweiten Ebene wurde dieser Freiheitsgedanke dann von der kapitalistischen Kraft vereinnahmt und vom Stadtmarketing aufgenommen. Deren Message ist: „Komm her, hier kannst Du frei sein und machen, was du willst.“ Wen will die Stadt denn damit anlocken? Künstler*innen? Wohl eher finanzstarke Investoren. Was dadurch mit der Stadt passiert, zeigt sich ja überall. Die Freiräume, mit denen so stark geworben wird, werden immer knapper, gleichzeitig überwuchern die Start-ups den öffentlichen Raum wie ein schnell wachsender, aggressiver Pilz, der ständig damit beschäftigt ist, Aufmerksamkeit zu generieren. Ständig fährt ein Lieferdienst in Orange, Blau oder Türkis durch dein Sichtfeld. Diese Unternehmen ziehen unentwegt unsere Aufmerksamkeit auf sich.

Ein Kritikpunkt, der gern angeführt wird, wenn es um politisch motivierte Arbeiten geht, die innerhalb von Kunstinstitutionen gezeigt werden: Sie werden vermeintlich nur von der ohnehin kritisch eingestellten „Kunst-Crowd“ wahrgenommen. Wie empfinden Sie das?

Es ist für mich sehr wichtig, dass meine Inszenierungen nicht im Kunstkontext stattfinden, weshalb ich sie immer so konzipiere, dass sie möglichst lange nicht damit in Verbindung gebracht werden. 2015 wurde ich eingeladen, im Rahmen der Frestas Trienal of Arts in São Paulo eine Arbeit im Museum zu präsentieren, was ich aber aus den eben genannten Gründen abgelehnt habe. Daraufhin haben die Organisatoren für sechs Monate einen Laden in einem Shoppingcenter in der Stadt Sorocaba für mich gemietet. In der dort realisierten Arbeit „Templo I. D. C. H.“ bezog ich mich auf die Pfingstkirchen, die in den letzten Jahren in Brasilien große Bedeutung erlangt haben und sich in riesigen Bauvorhaben im ganzen Land manifestieren. Diese Kirchen operieren selbst wie Start-ups. Es sind marktorientierte Geschäftsmodelle, hinter denen immens viel Geld steckt, viele der Priester haben eine betriebswirtschaftliche Ausbildung, und ihre aggressive Missionarstätigkeit erfolgt zu großen Teilen an Orten, die weniger an Kirchen, sondern eher an Geschäftsräume erinnern.

Was wollten Sie dem entgegensetzen?

Meine Arbeit sah den Bau eines Tempels auf dem Dach des Shoppingcenters vor. In dem inszenierten Showroom wurden Modelle des Bauvorhabens und weiterer Projekte von Da Silva Brokers präsentiert, es gab Werbefilme und Verkäufer*innen, die die Idee acht Stunden am Tag beworben haben. Durch eine solche Inszenierung entsteht natürlich ein ganz anderer Zugang als bei einer Präsentation im Kunstkontext. Es kommen dann auch Menschen, die eben eher nicht ins Museum gehen. Außerdem denke ich, dass so der Moment des Nachdenkens verstärkt werden kann. Die Erkenntnis, dass es sich um eine Kunstaktion handelt, kommt als Überraschung daher und regt vielleicht eher zum Nachdenken an.

Sie interagieren also bevorzugt mit eher kunstfernem Publikum?

Ja, meiner Meinung nach bringt es nicht viel, wenn ich mit meiner Arbeit hauptsächlich Menschen konfrontiere, die im Zweifelsfall die gleiche Meinung haben wie ich. Da rutscht das Ganze dann schnell in eine Bestätigungsschleife in Form toller Ästhetik und am Ende passiert gar nichts. Mir ist es darum wichtig, im öffentlichen Raum zu arbeiten. Für Da Silva Brokers Art House spielt daher das beklebte Fenster und die Plakatierung in der Umgebung eine große Rolle. Auch der Social-Media-Auftritt richtet sich nicht hauptsächlich an Kunst-Menschen, sondern eher an Investoren.

Hat dieses Zielpublikum Auswirkungen auf Ihre Arbeitsweise?

Absolut. Es ist eine größere Herausforderung mit einem eher kunstfernen Publikum zu arbeiten. Die Arbeit muss zugänglich sein, ohne oberflächlich zu werden. Sie muss interessant sein und verständlich bleiben. Das lässt sich natürlich auch generell über künstlerische Arbeiten sagen, aber es ist eben doch etwas anderes, einem kunstfernen Publikum Zugänge zu schaffen, die es ermöglichen, weitere Prozesse in Gang zu setzen. Dabei achte ich darauf, dass meine Arbeiten keine vorgefertigte Meinung anbieten. Sie lassen genug Spielraum, selbst Position zu beziehen und sich ein eigenes Urteil zu bilden. Ich möchte niemanden bevormunden, sondern es geht mir darum, auf bestimmte Sachverhalte aufmerksam zu machen, mögliche Gedankengänge anzuregen, die aber offen sind für alle möglichen Rückschlüsse.

Ihre Projekte sind meist sehr aufwendig inszeniert: Neben professionellen Online-Auftritten und Werbekampagnen werden auch vor Ort real erscheinende Settings inszeniert, und je nach Aktion sind zahlreiche Mitwirkende beteiligt. Wie finanzieren Sie Ihre Arbeiten?

Das meiste läuft über Ausschreibungen. So auch im Fall von Da Silva Brokers Art House, das durch das Sofortprogramm „Neustart Kultur“ gefördert wird.

Spielen Verkäufe auch eine Rolle?

Ich verkaufe meine Arbeiten ungern, und sie sind ja auch nicht dafür geeignet. Man könnte Artefakte oder Dokumentationen verkaufen, aber meiner Ansicht nach läuft man da Gefahr, dass die Idee verwässert wird. Verkaufen kommt für mich also nur in Frage, wenn es Teil des Konzepts ist oder es zumindest nicht verschlechtert. Für Da Silva Brokers Art House habe ich nun aber ein Aktiensystem eingeführt. Das gesamte Projekt wurde in 5000 Tokens gesplittet – inklusive der Persönlichkeit von Hermann Rumpel/Antonio Da Silva. Man kann Teile von ihm und seiner Persönlichkeit erwerben und erhält somit Mitspracherechte. Wenn man beispielsweise zehn Tokens kauft, bekommt man Zugang zu Rumpels Tinder-Account. Die Aktionäre sollen die Möglichkeit bekommen, an zukünftigen Projekten mitzuwirken. Das Geld, das so zusammenkommt, geht nicht an mich, sondern kommt auf das Firmenkonto und soll zukünftig neue Arbeiten finanzieren.

Ist das schon angelaufen?

Ja und es funktioniert eigentlich ziemlich gut. Das große Finale wäre die absolute Unabhängigkeit von Hermann Rumpel, dass er zum Beispiel über Künstliche Intelligenz Entscheidungen treffen kann und darüber weitere Beteiligte anheuert. Viele Aufgaben werden ohnehin schon fremd erledigt über Websiten, die alle möglichen Serviceleistungen anbieten, wie zum Beispiel „Fiverr“. Ich nutze das für meine Arbeiten, lasse Werbevideos dort erstellen und so weiter. Ein besonderer Aspekt des Kollektiven. Das große Ziel ist, dass Hermann Rumpel diese Dienste selbstständig in Anspruch nimmt. Das Geld, das dafür benötigt wird, soll idealerweise auch von ihm selbst generiert werden über das Mining der Kryptowährung oder über andere Dinge, die über Künstliche Intelligenz im Digitalen möglich sind.

Zum Beispiel?

Hermann Rumpel könnte bei Google AI in der Cloud arbeiten oder Gesichtserkennung für  Geheimdienste anbieten am Ende wird er vielleicht sogar Ai Fashion Stylist – den guten Geschmack hat er ja schon.

Anton Steenbock, Da Silva Brokers Art House, Weserhalle, Berlin, 2021 Foto: Dotgain / Courtesy Anton Steenbock
Anton Steenbock, Da Silva Brokers Art House, Weserhalle, Berlin, 2021 Foto: Dotgain / Courtesy Anton Steenbock
Anton Steenbock, Da Silva Brokers Art House, Weserhalle, Berlin, 2021 Foto: Dotgain / Courtesy Anton Steenbock

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