Die Malerin Zandile Tshabalala: Neues unterm Magritte-Himmel

Text für Monopol-Magazin (14.6.2021)

In ihrem Buch „Art on my mind. Visual Politics“ (1995) widmet sich die US-amerikanische Kulturkritikerin, Schriftstellerin, Künstlerin und feministische Theoretikerin Bell Hooks der stärkenden und revolutionären Kraft, die Kunst Schwarzer Künstlerinnen und Künstler auf die Schwarze Community Nordamerikas haben kann. Dabei betont sie mit Blick auf die Notwendigkeit, Gegen-Entwürfe zu jenen Bildern zu schaffen, die den Schwarzen Körper unterwerfen und entmachten: „Creating counter-hegemonic images of blackness that resist the stereotypes and challenge the artistic imagination is not a simple task.“

Vielleicht ist es diese Stelle, in die sich die junge Frau auf Zandile Tshabalalas Gemälde „Art on my mind“ (2021) gerade vertieft. Vielleicht ist es auch jene Passage, in der Bell Hooks im Zusammenhang mit dem Schwarzen Widerstand über die (unterschätzte) Rolle von Kunst bei der Behauptung der eigenen Subjektivität spricht. Auf jeden Fall transportiert das Bild die Quintessenz der künstlerischen Praxis der Malerin Zandile Tshabalala, die gerade in der Berliner Galerie Nagel Draxler gezeigt wird. Geboren 1999 in Soweto, Südafrika, stellt sie sich der Herausforderung, gegen-hegemoniale Bilder im Sinne von Hooks zu schaffen.

Ihre Figuren – Schwarze Frauen, darunter sie selbst – widersetzen sich rassistischen und sexistischen Stereotypen, die erfunden wurden, um Schwarze weibliche Identität in eng gefassten Schubladen verstauen zu können. Sie sind nicht zu haben für eindimensionale, oberflächliche und herabsetzende Rollenzuschreibungen. Somit behaupten sie sich gegen die Repräsentation der Schwarzen Frau innerhalb der westlich geprägten Kunstgeschichte.

Die Betrachterin könnte das Rotweinglas nehmen

Tshabalala lässt uns in den Alltag ihrer Figuren blicken. Wir sehen sie beim Lesen und Musikhören, im Badezimmer und mit ihren Freundinnen. Der Aufbau ihrer Gemälde erinnert oft an den eines fotografischen Schnappschusses: Die umgebenden Räume werden nur angedeutet und erzählen doch etwas über die sich in ihnen bewegenden Personen. In zufälligen, an den Moment gebundenen Posen richten die jungen Frauen ihre Aufmerksamkeit für einen kurzen Augenblick nach Außen. Dabei sind sie dem auf sie gerichteten Blick niemals ausgesetzt, sondern geben ihn zurück und etablieren eine Art freundschaftliche Verbindung mit der sie fokussierenden Person.

Die Betrachterin ist nicht Teil der auf dem Gemälde dargestellten Situationen, und doch scheint der Kontakt möglich. Sie könnte diejenige sein, die das Glas Rotwein entgegennimmt („A Glass of“, 2021), die der jungen Frau einen Kosmetikartikel reicht („Masking“, 2021) oder die im nächsten Moment umarmt wird („Nono and I“, 2021). Anders, distanzierter, verhält es sich bei den Bildern der posierenden Frauen, die von einer Aura der Unnahbarkeit umgeben sind. Gemälde wie „Lounging I: G fabulous“, „Lounging II: Chilling“ und „Lounging III: Tongue out“ (alle 2021) feiern Erotik und Individualität. Die Räume, in denen sich diese Frauen befinden sind weniger konkret, gehen sogar ins Surrealistische über.

Immer wiederkehrend – sowohl in dieser Werkgruppe als auch bei vielen den anderen Arbeiten – ist der an Magritte erinnernde hellblaue Wolkenhimmel und das oft bröckelnde oder übermalte Ornament einer barock anmutenden Schmucktapete. Sie fügt weitere Materialqualitäten hinzu – Holz sowie unterschiedlichste Textilien – und kontrastiert sie mit den Körpern. Diese nehmen den gesamten Bildraum ein, gehen zuweilen auch über ihn hinaus, so dass hier und da die Füße, Hände oder Beine nicht im Bild sind. Begrenzungen spielen keine Rolle, die 120×200 Zentimeter messenden Leinwände scheinen schlicht nicht groß genug zu sein, um die Frauen vollständig zu fassen. Doch genau darum geht es ja, nicht ins Bild zu passen.

Auf eine schwer in Worte zu fassende Weise beeindruckend

Eine Ausnahme ist „Lounging I: G fabulous“: Der Körper der auf dem roten Flokatiteppich liegenden, unbekleideten Frau ist vollständig zu sehen, ohne dass dabei alles zur Schau gestellt wird. Die Komposition erinnert an Manets Gemälde „Olympia“, in dem eine weiße, unbekleidete Frau auf einem Bett liegt. Im Hintergrund, ihre Aufmerksamkeit auf die Liegende gerichtet, befindet sich eine Schwarze Frau, Laure, in Dienstkleidung, die soeben ein Blumenbouquet herbeiträgt. In Tshabalalas „Lounging I: G fabulous“ verschwindet die weiße Figur, und die Schwarze Frau rückt in den Fokus. Dabei gehe es nicht darum, den weißen Körper zu verdrängen, so die Künstlerin, sondern um einen Verzicht auf jene „Hierarchien, die die Machtverhältnisse reproduzieren“. 

Die von Azu Nwagbogu kuratierte Ausstellung „Beautiful experiment(s)“ ist Zandile Tshabalalas erste Einzelausstellung in Europa. Mit ihr präsentiert Nagel Draxler eine starke Position der zeitgenössischen afrikanischen Figuration. Im Sinne des eingangs beschriebenen Auftrags kreiert Tshabalala auch mit Blick auf zukünftige Generationen Schwarzer Frauen ein starkes Narrativ und mischt sich so selbstbewusst und souverän in den westlich geprägten Kanon der Kunstgeschichte ein.

Ihre Arbeiten erweitern den Blick und sind auf eine nur schwer in Worte zu fassende Weise beeindruckend und fesselnd. Vermutlich liegt das an der Komplexität ihrer Figuren, die sich einer schnellen Einordnung verwehren, die sich uns zeigen ohne sich zu offenbaren. Man möchte mehr von Tshabalalas Arbeiten sehen, weiteren ihrer Frauen begegnen. Hey Kunsthäuser, wann ist die nächste Ausstellung? 

Beitragsbild: Zandile Tshabalala, Lounging l: G fabulous, 2021, Acryl und Mixed Media auf Leinwand, 120×200 cm

Foto: Courtesy Nagel Draxler

Zandile Tshabalala, Beautiful Experiment(s), Nagel Draxler, Berlin

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